(Fast) Wie eine ganz normale Familie

In den Familienwohngruppen der Diakonischen Arbeitsgemeinschaft Sozialpädagogischer Initiativen DASI Berlin gGmbH finden junge Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen nicht in ihren ursprünglichen Familien leben können, ein Zuhause und im besten Fall ihren Weg ins Leben. Sie leben mit sozialpädagogisch ausgebildeten Betreuerinnen und Betreuern unter einem Dach und erhalten vielfältige Unterstützung auf ihrem Weg vorbei an den Tücken des Alltags. Ein Hausbesuch.

Ein heißer Nachmittag in Berlin. Gepflegte Altbaufassaden in hellem Grau und dezenten Gelbtönen verströmen gutbürgerlichen Charme. Ab und zu lässt eine sanfte Brise die üppigen Baumkronen leise rauschen. Es ist auffallend ruhig. Auf der Straße schlendert ein Gassigänger mit Beagle an der Leine und auf dem Spielplatz gegenüber sitzt eine Frau mit Kinderwagen. Im Treppenhaus von Nummer eins wird es schon lebhafter: Zwei Jungs mit Skateboards unter den Armen hüpfen lauthals lachend auf den knarzenden Holzstufen in Richtung Erdgeschoss. Im zweiten Stock öffnet Betreuerin Sylvia Wolf mit einladendem Lächeln die Tür zu einer Familienwohngruppe der DASI Berlin.

In 14 solcher Wohngruppen finden rund 70 Kinder und Jugendliche bei der DASI Berlin ein kurz- oder langfristiges Zuhause und werden von pädagogischen Fachkräften betreut und begleitet. „Wir leben hier den Alltag einer ganz normalen Familie“, sagt Sylvia Wolf und streicht sich lächelnd die roten Haare aus der Stirn. Als so genannte innewohnende Erzieherin hat sie in der Wohnung ihren eigenen privaten Bereich und lebt mit ihren Schützlingen rund um die Uhr zusammen. Unterstützt wird sie dabei von einer Haushaltshilfe und zwei zukommenden Erzieher/- innen, die sich tagsüber in der Wohngruppe aufhalten. „Ich bin die strenge Mutti, die alles sieht“, lacht Sylvia Wolf, „das ist meine Rolle.“ Bei einer Belegung von aktuell elf Kindern und Jugendlichen im Alter von drei bis 19 Jahren hat sie damit jede Menge zu tun. „Diese Besetzung ist allerdings ein Ausnahmefall, weil wir uns gerade in einer Übergangsphase befinden“, erklärt sie. Während einige Jugendliche die Gruppe in ein paar Wochen verlassen werden, sind ihre Nachfolgerinnen und Nachfolger schon da. Ist diese Phase der Überschneidung vorüber, muss Sylvia Wolf nur noch acht Familienmitglieder in beiden Gruppen im Auge behalten. Gestresst wirkt sie auch jetzt nicht, obwohl gefühlt alle drei Sekunden wahlweise jemand etwas sucht, ihr etwas zeigen möchte oder ein anderes total dringendes Problem hat. „Ich mache das jetzt seit 24 Jahren“, lacht sie. „Und ich find’s richtig gut.“ Die Altbauwohnung in einem gediegenen Mehrfamilienhaus wirkt großzügig, klar strukturiert und aufgeräumt und ist mit Geschmack und Liebe zum Detail eingerichtet: helle Dielenböden und hohe Decken, abwechselnd Weiß und kräftige Farben an den Wänden, moderne Möbel im schwedischen Stil, großflächige Bilder und viele kleine Hingucker – vom weißen Hirschkopf über der Küchentür bis zur Libellen-Lichterkette im Bad. Gemeinsam mit Sylvia Wolf bilden die 14-jährige Verena* und der fast 9-jährige Theo* das Empfangskomitee. Theo ist heute im einteiligen Spiderman-Schlafanzug unterwegs und holt zur Begrüßung mal eben eine beachtliche Kollektion von Sport-Pokalen und Medaillen aus seinem Zimmer. Während er die stolz präsentiert, moderiert Verena schon einen Teil des Besuchs wie eine professionelle Reiseführerin durch den hinteren Teil der Wohnung.

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„So, jetzt geh mal wieder zu deinem Buch“, sagt Sylvia Wolf schließlich, nachdem Theos Trophäen von allen Anwesenden ausgiebig bestaunt wurden, „dann können wir uns in Ruhe unterhalten.“ Spiderman nimmt das murrend hin und begibt sich ins benachbarte Wohnzimmer, während wir im Esszimmer an einem wuchtigen Holztisch Platz nehmen, auf dem neben Glaskaraffen mit Wasser und Eistee auch selbst gebackene Muffins und Brownies warten. „Das ist das Herzstück der Wohnung“, sagt die Pädagogin. „Hier essen wir alle gemeinsam, reden über den Tag und diskutieren miteinander, wenn es etwas zu besprechen gibt.“ Dabei wird die konstruktive Auseinandersetzung von den hier lebenden Kindern und Jugendlichen bewusst gefördert. Sich auch mal über ein Thema zu streiten – das gehört nun mal dazu und das muss man lernen, wenn man seine Interessen durchsetzen will“, sagt Sylvia Wolf.

Wie generell in der Familienwohngruppe, gelten auch am Esstisch klare Regeln. Zum Beispiel: kein Smartphone. Das stößt nicht bei jedem sofort auf Verständnis und ist für viele Neuankömmlinge ein Schock – wie anfangs auch für Verena. Sie lacht viel, ist auch im Sitzen immer in Bewegung und redet gerne, viel und schnell. „Bei meinen Eltern hatte ich das Smartphone 24/7“, sagt sie. Ihre Augen werden groß bei der Erinnerung an diese Zeit und ihre Hände gestikulieren wild. Emotionales Thema. „Als ich hier neu war und das Telefon abgeben musste, war das echt hart“, erinnert sie sich. „Es hat ein bisschen gedauert, aber jetzt habe ich gelernt: Man kann auch ohne Telefon leben.“ Nach einer kurzen Pause fügt sie nicht ganz ernst und unter dem Gelächter ihrer Mitbewohnerinnen hinzu: „Aber manchmal tut es noch ein bisschen weh.“ Ganz ernsthaft sind sich aber alle einig: „Hier gibt es Regeln und an die muss man sich eben gewöhnen“, sagt die 17-jährige Stefanie. „Das ist nicht immer toll, aber eigentlich genau richtig so.“ Sie will im nächsten Jahr Abitur machen und lebt zusammen mit der 18-jährigen Sandra und 19-jährigen Clara in der Verselbständigungswohnung ein Stockwerk höher. Hier wohnen junge Frauen ab 16 Jahre, um sich langsam von der Rund-um-die-Uhr-Betreuung zu emanzipieren, selbständiger zu werden und das eigene Leben mehr und mehr in die Hand zu nehmen. Während Sylvia Wolf mit ihren Kolleginnen und Kollegen für die Jüngeren unten den Haushalt managt und die Rolle einer Mutter auf Zeit einnimmt, wird oben selbst eingekauft, gekocht und geputzt.

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Kontrolliert wird das Ganze natürlich trotzdem. „Die jungen Frauen sollen zwar selbständiger werden, aber sie leben nach wie vor innerhalb eines geschützten Rahmens und werden von uns weiterhin begleitet und unterstützt“, sagt die Pädagogin. Dazu gehören auch gemeinsame Aktivitäten: „Wir gehen zum Beispiel ins Theater, wir schauen uns Filme an, machen Gesellschaftsspiele und fahren auch zusammen in den Urlaub“, sagt Sylvia Wolf. Alles so ähnlich wie in einer ganz normalen Familie also. Das nächste Mal geht es nach Dänemark. „Apropos. Da kann ich hier gleich mal eine Ansage machen“, fällt Sylvia Wolf ein. „Während unseres Dänemark-Urlaubs wird es keine Handys geben. Für niemanden.“ Drei Sekunden lang könnte man im Esszimmer eine Fliege atmen hören. Dann entspannen sich die Gesichter langsam wieder. „Erst gibt es manchmal ein großes Trara, aber letztendlich finden es doch alle gut, dass wir Zeit füreinander haben und etwas gemeinsam machen – und dass nicht jeder allein am Handy hängt“, sagt Sylvia Wolf und die jungen Frauen am Tisch nicken dazu. „Finde ich auch“, ruft Spiderman aus dem Wohnzimmer und man hört leise seine Medaillen klimpern.

Das Bewusstsein für den Umgang mit digitalen Medien hat sich bei den Mädchen und jungen Frauen spätestens seit ihrem Einzug in die Familienwohngruppe grundsätzlich gewandelt: „Erst konnte ich selbst nicht ohne, aber jetzt nervt es total, dass in der Schule alle ständig an ihren Telefonen hängen“, sagt Verena. Wegen ein paar unerfreulicher Vorfälle durfte sie ihr Handy einige Zeit lang nur am Wochenende nutzen. „Die meisten meiner Freundinnen hätten das gar nicht ausgehalten“, sagt sie mit hörbarem Stolz. Mittlerweile kann sie ihr Telefon auch wieder in der Woche nutzen. „Sobald ich alles andere erledigt habe“, betont sie mit erhobenem Zeigefinger. Erst Schule, dann Mittagessen, dann Hausaufgaben, dann Jobs im Haushalt – und erst dann Telefon.

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Aber warum ist das Telefon überhaupt so eine wichtige Ressource, deren Verfügbarkeit man ständig managen und reglementieren muss? „Die Welt da draußen nutzt das Handy als direkte Verbindung zu Kindern und Jugendlichen, die sowieso schon genug Probleme haben“, sagt DASI-Geschäftsführer Markus Jung, „vorbei an Mitbewohnern und Betreuenden.“ Über diesen Weg belasten zum Beispiel überforderte Eltern ihr Kind zusätzlich mit familiären oder persönlichen Problemen. Oder zweifelhafte Freunde melden sich mitten in der Nacht, weil sie ganz dringend Geld brauchen. Weil das Telefon für die jungen Menschen in der Familienwohngruppe viel mehr ist als nur eine simple Ablenkung, wird dieser Kommunikationskanal in bestimmten Fällen eben eingeschränkt.

Dazu beobachten Sylvia Wolf und die anderen Betreuenden sehr genau, wie die Kinder und Jugendlichen mit ihren kommunikativen Freiheiten umgehen. „Wir haben immer ein Auge darauf, was funktioniert und was nicht“, sagt Sylvia Wolf. „Und wenn es Probleme gibt, dann justieren wir nach.“ Um beim Thema Telefon zu bleiben: Auch für die jungen Frauen in der Verselbständigungswohnung ist es tabu, mitten in der Nacht zu telefonieren oder online zu sein. Das technische Knowhow, um entsprechende Sicherheitseinstellungen vorzunehmen und den Datenverkehr nachvollziehen zu können, ist vorhanden. „Das kann alles meine Tochter Leonie, die bei uns als zugehende Erzieherin arbeitet“, sagt Sylvia Wolf. „Von der kann ich noch viel lernen, was das angeht.“

Wenn Kinder und Jugendliche neu in die Wohngruppe kommen, ist ihr Umgang mit digitalen Medien und speziell mit dem Smartphone natürlich von ihrem bisherigen Umfeld geprägt. „Die Kinder erleben, wie ihre Eltern mit digitalen Medien umgehen, und sehen das dann natürlich erst einmal als Normalität“, sagt Markus Jung. Deshalb reden die Erziehenden mit den Kindern und Jugendlichen der Wohngruppe häufig über Möglichkeiten und Prioritäten im Zusammenhang mit den digitalen Medien, informieren über potenzielle Risiken und Gefahren und legen Regeln fest - ganz individuell strenger oder lockerer. Nicht nur bei Clara scheint dieser Weg zu einem selbstbewussten und reifen Umgang mit dem Thema geführt zu haben. „Die Bilder erscheinen auch im Internet? Nein, dann möchte ich nicht fotografiert werden.“

Komplett entziehen kann man sich der digitalen Entwicklung aber natürlich nicht – zum Beispiel in der Schule. „Ab der siebten Klasse sind die Kinder aufgefordert, an Klassenchats teilzunehmen“, sagt Sylvia Wolf. An ruhigeren Tagen sind dort über den jeweiligen Messenger-Dienst 600 bis 700 Nachrichten pro Tag zu lesen, in der Spitze auch schon mal bis zu 1.400. „Das meiste davon ist Quatsch“, bringt es Verena auf den Punkt. Kettenbriefe, Lästereien und gegenseitige Beschimpfungen sind die Regel. Trotzdem findet die Kommunikation zwischen Schule und Eltern, Schülerinnen und Schülern zunehmend auf digitalen Kanälen statt. „Auch Vertretungspläne werden per Mail oder über Messenger-Dienste geschickt“, sagt Sylvia Wolf. Das kann natürlich problematisch werden, wenn man keinen uneingeschränkten Zugriff auf sein Telefon hat – oder noch gar keins besitzt. „Mich haben schon Lehrer angerufen und gefordert, dass ich meinen Kindern ein Smartphone mitgeben soll“, sagt Sylvia Wolf und schüttelt den Kopf. Getan hat sie es nicht. Ihr geht es darum, angemessene Lösungen im Umgang mit den digitalen Medien zu finden. „Daher muss manchmal halt Nein gesagt werden. Schließlich sind wir Pädagogik-Profis. Uns geht es um die Kinder.“ Und deshalb ist das Leben in der Wohngruppe eben nur fast normal.

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* Die Namen der Kinder und Jugendlichen wurden geändert.