Keine Angst vor Technik

In den Werkstätten Materialhof in Rendsburg können sich Seniorinnen und Senioren von Beschäftigten der hauseigenen IT-Abteilung im Umgang mit Tablets und mit dem Internet schulen lassen. Dabei sind auf beiden Seiten verblüffende Rollenwechsel zu beobachten: Sobald sie in ihrem eigenen Tempo lernen können, werden Computer-Neulinge im fortgeschrittenen Alter zu wissbegierigen Schülerinnen und Schülern. Und Werkstatt-Beschäftigte wandeln sich von Hilfeempfängern zu gefragten Experten mit neuem Selbstvertrauen.

Zwei Männer rücken auf ihren Stühlen enger zueinander, stecken lächelnd die Köpfe zusammen und machen ein Selfie. An den benachbarten Tischen beugen sich Zweiergruppen über leuchtende Tablet-Displays. Kaffeetassen klappern leise. Man wischt und tippt mit höchster Konzentration. Zwischendurch immer wieder herzliche Lacher oder ein erschrockenes Zucken, wenn plötzlich Filme starten oder sich unerwartet digitale Fenster öffnen.

Björn Roggenbach und Hans-Hinrich Plähn werfen einen kurzen Kontrollblick auf ihr digitales Selbstportrait, legen das Tablet beiseite und widmen sich dann ihren frischen Cappuccinos. Beide haben gerade eine einstündige Tablet-Schulung für Senioren hinter sich – der 81-jährige Hans-Hinrich Plähn als Teilnehmer und der Werkstatt-Beschäftigte Björn Roggenbach als Lehrkraft. Veranstalter dieser Schulungen sind die Werkstätten Materialhof in Rendsburg, eine Einrichtung für Menschen mit psychischem Handicap. Das Angebot entstand als Teil des Projekts „Vernetzt“, einer Kooperation des Instituts für Berufliche Aus- und Fortbildung (IBAF) und der „Aktion Mensch“ zum Thema digitale Inklusion. Als Lehrkräfte sind Beschäftigte mit Handicap der „Materialhof IT“ (M.IT) im Einsatz – wie Björn Roggenbach. Der 44-Jährige ist seit Beginn des Projekts dabei. Zu seinen Aufgaben in der M.IT zählt die Instandsetzung von Notebooks und auch mit Tablets kennt er sich so gut aus, dass er sein Wissen jetzt weitergeben möchte.

Viele der teilnehmenden Senioren absolvieren zum ersten Mal einen solchen Kurs. „Dafür bringen erstaunlich viele schon ihr eigenes Tablet mit“, sagt Björn Roggenbach. Das wurde häufig schlicht aus dem Wunsch heraus gekauft, so ein Stück moderne Technik zu besitzen. Die Erkenntnis, dass man damit überhaupt nicht umgehen kann, setzt erst später ein. „Wir hören immer wieder, dass sich ältere Menschen dann nicht trauen, ihre Kinder oder Enkel zu fragen“, berichtet Björn Roggenbach. „Einfach aus Angst, ihnen mit ihrer Unwissenheit auf die Nerven zu gehen.“ Wenn sie dann die Tablet-Schulungen der M.IT besuchen, sind sie meist ganz begeistert. Denn hier erwartet sie kein Frontalunterricht voller Fachchinesisch, in großen Gruppen und im Schnelldurchlauf, sondern entspanntes Lernen, bei dem ein Schulungsteilnehmer ganz individuell von einem Beschäftigten der M.IT betreut wird.

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Das Ergebnis ist eine klassische Win-win-Situation: Die digitalen Novizen im fortgeschrittenen Alter können in ihrem ganz persönlichen Tempo lernen und „ihrem“ Computerspezialisten jederzeit konkrete Fragen stellen. Die Schulenden erfahren Bestätigung, freuen sich über die positive Resonanz und wachsen spürbar an der neuen Aufgabe. „In den Köpfen findet ein Rollenwechsel statt“, sagt Dennis Krabbenhöft, Leiter der M.IT und Initiator des Angebots. „Aus Menschen, die häufig auf Hilfe angewiesen sind, werden Lehrer, die jetzt selbst helfen, ihr Wissen mit Freude weitergeben und dafür Anerkennung erfahren.“

Diese Freude steht auch Björn Roggenbach ins Gesicht geschrieben. Je länger er erzählt, desto breiter wird sein Lächeln und desto ausladender werden seine Gesten. „Mit Computern kenne ich mich aus“, sagt er selbstbewusst. „Und auch das Erklären liegt mir. Ich habe schon meiner Oma dabei geholfen, mit digitalen Endgeräten umzugehen und sich im Internet zurechtzufinden.“ Und genau das tut er jetzt auch für die Seniorinnen und Senioren, die die Tablet-Schulungen des M.IT besuchen. Die finden übrigens ganz nach Bedarf entweder extern statt, wie zum Beispiel in Seniorenwohnheimen, oder eben werkstattintern im café tagespost.

Das café tagespost gehört zu den Werkstätten Materialhof und ist in den liebevoll renovierten Räumen der ehemaligen Rendsburger Tageszeitung „Tagespost“ zu Hause. Außen Backsteingotik, innen frühlingsgrüne Wände und die Kombination von klaren modernen Linien und Elementen mit historischem Flair. Über dem Tresen öffnen sich die weißen Deckenelemente zu einer geschwungenen Galerie, die dem Raum zusätzliche Weite verleiht. Hier kann man sich in Ruhe konzentrieren, die Atmosphäre ist entspannt und leckeren Kuchen gibt’s auch.

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„Schön hier“, findet auch Hans-Hinrich Plähn. Für ihn war es heute die erste Schulung dieser Art. Den Entschluss zur Teilnahme hat er in Frankreich gefasst: „Wir waren mit unserem Kegelclub in Straßburg unterwegs“, erinnert er sich. „Alle hatten ein Smartphone dabei – bis auf mich. Das war der Auslöser, dass ich mich in der digitalen Welt besser zurechtzufinden wollte.“ Noch sind seine Lernziele bescheiden: „Erst einmal will ich grundsätzlich verstehen, wie das alles funktioniert“, lächelt er etwas verlegen. Und wie hat ihm seine erste Stunde gefallen? „Super!“, kommt es wie aus der Pistole geschossen. Besonders angenehm sei die lockere Stimmung gewesen. „Herr Roggenbach hat mir alles sehr ruhig und gut erklärt. Alles ganz entspannt. Deshalb war es auch überhaupt nicht unangenehm, Fragen zu stellen“, ergänzt der 81-Jährige.
„Insgesamt sind Kenntnisstände und Anforderungsprofile der Teilnehmenden sehr unterschiedlich“, sagt M.IT-Leiter Dennis Krabbenhöft. Während sich einige fragen, wie so ein Tablet überhaupt eingeschaltet wird oder was eigentlich eine App ist, skypen oder facetimen andere schon ganz routiniert mit den Enkeln in Übersee und wollen lediglich mehr zu ganz konkreten Details erfahren – zum Beispiel zu den Einstellungen ihrer Privatsphäre. Um auf diese inhaltliche Bandbreite vorbereitet zu sein, wurden die Beschäftigten der M.IT zunächst selbst geschult – zu den technischen Grundlagen, zu den Methoden der Wissensvermittlung und zu den besonderen Interessengebieten der Seniorinnen und Senioren, was den Umgang mit dem Internet angeht. Die Top-drei-Themen: Arzneibeschaffung, Mobilitätsangebote und Kommunikationsmöglichkeiten mit Kindern und Enkeln.

„Bei diesen internen Schulungen wollten wir erst einmal herausfinden, wer überhaupt Lust auf so ein Projekt hat und dazu auch die nötigen Fähigkeiten mitbringt“, erinnert sich Dennis Krabbenhöft. Insgesamt waren die Reaktionen überwiegend positiv. Um Schulungen anbieten zu können, bei denen zuverlässig fünf bis acht Beschäftigte zur Verfügung stehen, brauchte der M.IT-Leiter einen Pool von zwölf Beschäftigten. Da die Zusammenarbeit mit Menschen mit psychischem Handicap nicht immer zuverlässig plan- und kalkulierbar ist, war ein größerer personeller Puffer notwendig. „Krankheit, mentale Krisen oder auch einfach mal eine schlechte Tagesform – das alles kann passieren“, sagt Dennis Krabbenhöft. „Das dann auch zuzulassen und dem Einzelnen diese Freiheit zuzugestehen, ist ein wesentlicher Aspekt unserer Arbeit. Denn mit Druck erreichen Sie hier gar nichts.“

In der Materialhof IT arbeiten rund 30 Menschen mit psychischem Handicap, die von drei Fachkräften für Arbeits- und Berufsförderung angeleitet und gefördert werden. So individuell wie die Schwere der Beeinträchtigungen sind auch ihre Tätigkeiten. „Unsere Vielseitigkeit ist eine unserer großen Stärken“, sagt Dennis Krabbenhöft. „Wir sind quasi eine kleine Firma, die sich auch an der Nachfrage am Markt orientieren muss.“ Und für den hat die M.IT einiges zu bieten. „Nehmen wir nur mal unseren Einkauf“, sagt der Leiter. „Wir sind verantwortlich für den gesamten IT-Einkauf der NGD-Gruppe.“ Dazu gehören Laptops, Desktop-Rechner oder Drucker ebenso wie Server und Einzelkomponenten. Dabei übernehmen die Beschäftigten die Kommunikation mit den Zulieferfirmen, vergleichen die Einkaufspreise und erstellen eine Kalkulation. Ganz so, wie es sich für ein konkurrenzfähiges IT-Unternehmen gehört.

Ursprünglich bestand das Kerngeschäft der Materialhof IT, die bis Anfang 2016 noch Remarketing-Nord hieß, aus dem zertifizierten Löschen von Daten auf alten Rechnern und dem anschließenden Verkauf der aufbereiteten Geräte. Daraus hat sich bis heute unter anderem ein Tätigkeitsbereich entwickelt, in dem individuelle PCs aus einzelnen Komponenten zusammengebaut werden. „Wir kaufen die nötigen Einzelteile ein, montieren die Rechner in der benötigten Konfiguration und beliefern hauptsächlich die zentrale IT der NGD-Gruppe oder auch kleinere Unternehmen und private Nutzer“, sagt Dennis Krabbenhöft. Darüber hinaus lassen Banken, Werften und Mobilfunkanbieter hier nach wie vor Datenträger mit sensiblen Daten sicher löschen und entsorgen. Die verbleibenden Geräte werden dann repariert, aufgerüstet und über Internetplattformen verkauft. Parallel dazu entwickeln sich bei der M.IT eigentlich laufend neue Geschäftszweige. „Wir wollen immer aktiv und kreativ bleiben“, sagt Dennis Krabbenhöft. „Denn es geht ja nicht darum, was die Digitalisierung mit uns macht. Es geht darum, was wir aus der Digitalisierung machen.“ Und da setzt der M.IT-Leiter auf Vielfalt: Zum Beispiel pflegen die Beschäftigten Social Media Accounts, produzieren Imagefilme und Reportagen, es gibt Illustratoren und Linux-Experten. Darüber hinaus haben einige Beschäftigte gerade damit begonnen, die Allzweck-Programmiersprache C# zu lernen. „Wir versuchen immer, die Interessen und Kompetenzen unserer Beschäftigten zu nutzen, um die Bandbreite unseres Angebots zu erweitern“, sagt Dennis Krabbenhöft. Das ist keine kleine Herausforderung. Denn die Arbeit mit Beschäftigten mit psychischen Handicaps ist immer auch ein Spagat: Einerseits geben stabile Strukturen und routinierte Abläufe Halt und sind deshalb besonders wichtig, andererseits wollen die meisten am Puls der technologischen Entwicklung sein und möglichst viel Neues ausprobieren.

„Im Grunde geht es uns darum, möglichst attraktive Arbeitsplätze und gute Fördermöglichkeiten anzubieten“, betont Dennis Krabbenhöft. Die Kunst dabei: Das individuelle Potenzial jedes Einzelnen zu erkennen und dann für sie oder ihn den richtigen Platz zu finden. „Dabei gibt es natürlich Erfolgsgeschichten, bei denen wir Menschen in den ersten Arbeitsmarkt vermitteln konnten“, sagt der M.IT-Leiter. „Doch am wichtigsten ist uns der Mensch, denn je nach Krankheitsbild kann es auch darum gehen, ein Fortschreiten der Krankheit zu verhindern. Bei uns arbeiten Beschäftigte, die hatten seit fünf Jahren keinen Rückfall“, sagt Dennis Krabbenhöft, „und das ist ein gigantischer Erfolg.“ Dass Angebote wie die Tablet-Schulungen für Senioren positiv zur persönlichen Entwicklung der Beschäftigten beitragen, liegt auf der Hand. Deshalb soll das Projekt auch in Zukunft fortgesetzt werden – unabhängig davon, dass die Finanzierung von IBAF und Aktion Mensch mittlerweile ausgelaufen ist. „Wir arbeiten gerade an einem konkreten Modell, mit dem wir dieses Angebot selbst tragen können“, sagt Dennis Krabbenhöft. „Schließlich liegt es in unserer Verantwortung, die Möglichkeiten der Digitalisierung optimal im Sinne der Menschen einzusetzen.“

Das ist in diesem Fall nicht nur in Bezug auf die Werkstatt-Beschäftigten gelungen, sondern auch in Bezug auf die Seniorinnen und Senioren, denen das Angebot einen neuen Zugang zur digitalen Welt ermöglicht. Hans- Hinrich Plähn demonstriert jedenfalls nicht ohne Stolz noch ein paar Funktionen des Tablets und macht mit Björn Roggenbach gut gelaunt ein letztes Selfie. Der nickt anerkennend, schüttelt seinem Schüler zum Abschied die Hand und gibt ihm zwei persönliche Tipps mit auf den Heimweg: „Bleiben Sie dran. Und nur keine Angst vor der Technik.“