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Kindheit à la Sonnenschein

Immer mehr Kinder unter drei Jahren werden tagsüber nicht mehr von einem Elternteil oder von anderen Familienmitgliedern betreut, sondern von Tagesmüttern oder in Krippen – einige vom frühen Morgen bis in den späten Nachmittag.

Die Folge: Zu Hause gehen nicht nur oft wichtige familiäre Rituale verloren, auch die Erziehungsverantwortung verlagert sich in vielen Bereichen und stellt KiTas, Erzieherinnen und Erzieher vor neue Herausforderungen. Ein Besuch in der Kindertagesstätte Sonnenschein in Kisdorf.

Benjamin gibt Gas: Auf Socken rast er quer durch das Krippenhaus der KiTa Sonnenschein in Kisdorf, quietscht dabei vor Freude und setzt mit Anlauf einen Purzelbaum in einen Kissen-Berg. Fauchend wie ein Löwe kriecht er sofort wieder heraus und ist schon mit ein paar Sätzen in einer hölzernen Spiel-Burg verschwunden. Mit drei Jahren gehört Benjamin hier zu den Großen. Die beiden Jungs an der Murmelbahn und das Mädchen, das gerade eine Sitzecke mit knallbunten Kindermöbeln umdekoriert, sind deutlich jünger. Es ist kurz nach 14 Uhr. Bis vor ein paar Minuten war hier noch allgemeine Mittagsruhe und innerhalb der nächsten Stunde wird ein Großteil der Krippenkinder abgeholt.

Erzieherin Doreen Biehl sitzt mit einer Kollegin gelassen neben einer Kiste mit Bauklötzen und behält das wilde Treiben genau im Auge. Draußen auf dem Gang schlurfen noch ein paar verschlafene Nachzügler an der Garderobe vorbei, die sich über den gesamten Flur erstreckt. Hier hat jedes Kind einen Kleiderhaken voller Regenjacken, Anoraks oder Rucksäcke und ein eigenes Fach, das mit Namen versehen und mit Halstüchern, Mützen oder Hausschuhen bestückt ist. Darüber hängen mit persönlichem Kleinkram gefüllte Blecheimer und gerahmte Portraitfotos der jeweiligen Besitzerinnen oder Besitzer. An einer gespannten Wäscheleine sind kleine laminierte Hinweiszettel für die Eltern angebracht: „Bitte neue Windeln!“ steht da, „Bitte Wechselkleidung mitbringen!“ oder „Bitte neue Feuchttücher!“

Sabine Asmussen und Doreen Biehl auf einer Schaukel mit Kindern

Insgesamt 137 Kinder werden in der KiTa Sonnenschein betreut: 107 im Elementarbereich und 30 im Krippenhaus. Das wurde 2012 eingeweiht und steht nur wenige Meter neben dem Haupthaus, in dem sich die älteren Kinder ab drei Jahren tummeln. Der Tag beginnt hier morgens um sieben, wenn die ersten Eltern-Kind-Gespanne vor der Tür warten. „Dann kann es hier schon mal etwas hektisch werden“, sagt die Erzieherin. Viele Eltern arbeiten in Hamburg oder im Umland und müssen morgens zügig auf die Autobahn – entsprechend schmucklos fallen oft die Abschiedsrituale aus.

Wenn die heiße Bring-Phase gegen neun Uhr abgeschlossen ist, verläuft das Leben im Krippenhaus der KiTa Sonnenschein in ruhigeren und durchorganisierten Bahnen. „Für die Kinder ist es wichtig, einen geregelten Tagesablauf mit festen Ritualen zu erleben“, sagt Doreen Biehl. Dazu gehört zum Beispiel der Morgenkreis mit gemeinsamem Frühstück oder das gemeinsame Mittagessen. Für eine Horde Ein- bis Dreijähriger läuft das in erstaunlich geregelten Bahnen ab: Während zwei der Erzieherinnen den gelieferten Hackbraten, das Gemüse und die Kartoffeln in der angrenzenden Küche auf Platten und in Schüsseln füllen und anschließend im Essraum auf den Tischen verteilen, sitzen schon alle auf ihren Plätzen – vor sich einen Porzellanteller, Besteck und ein Glas für Getränke.

Es wird zwar angeregt geschwatzt, gelacht und auch mal vor Vergnügen gequietscht, aber nicht rumgelaufen und auch nicht mit dem Essen gespielt. Jeder füllt sich seine Portion auf, wartet bis alle versorgt sind und dann gibt es noch ein sehr kurzes und modernes Tischgebet, um die ungeduldigen Mägen nicht allzu sehr zu strapazieren: „Lieber Gott, du weißt Bescheid: Wer Hunger hat, hat keine Zeit.“ Dann kann es losgehen. „Ich möchte bitte den Ketchup“, hört man noch von links. „Bitte.“ „Danke.“ Davon könnte sich mancher Erwachsene noch eine Scheibe abschneiden.

Emma hat Spaß in der Natur

„Tischmanieren sind nur ein Beispiel dafür, dass die Erziehungsverantwortung zunehmend aus den Familien in die KiTas wandert“, sagt Doreen Biehl. Kein Wunder: Wenn Kinder bis zu 50 Stunden in der Woche hier verbringen, dann bleibt zu Hause kaum noch Zeit, um Regeln oder gemeinschaftliche Rituale zu etablieren. Das übernehmen zwangsläufig die Erzieherinnen und Erzieher. Ein weiteres Beispiel dafür ist die Fähigkeit des Nachwuchses, sich selbst anzuziehen. „Das lernen viele Kinder erst bei uns in der Krippe“, sagt die Erzieherin. Denn wenn zu Hause in der morgendlichen Hektik jede Minute zählt, dann legen Mama oder Papa lieber selbst schnell Hand an und streifen Hose und Jacke mal eben über. Das geht dann zwar flott, lernen kann ihr Kind dabei allerdings nichts.

Benjamin hat seine Burg inzwischen wieder verlassen, sitzt jetzt neben Doreen Biehl und durchforstet die Kiste mit den Legos nach geeignetem Baumaterial. Er ist seit zwei Jahren in der KiTa Sonnenschein: in der ersten Zeit für 6 Stunden am Tag, jetzt ganztags bis 16 Uhr. Beide Eltern sind berufstätig, der Vater Vollzeit, die Mutter nach einem Jahr Pause noch in Teilzeit – ein klassischer Fall. Während er die einzelnen Etagen seines Turms fertigstellt, sucht er zwischendurch immer wieder die Nähe seiner Erzieherin. „Wenn er Zuwendung braucht, kann er ein richtiger Charmeur sein“, schmunzelt die. „Manchmal halten wir sogar beim Mittagessen Händchen.“

Das wird Benjamin jetzt doch zu viel und er macht sich auf die Suche nach einer anderen Beschäftigung. Dabei wird er spürbar immer aufgekratzter: Er weiß, dass gleich seine Eltern kommen und außerdem ist seine mentale Energie für den Tag langsam erschöpft – Mittagsschlaf hin oder her. Kein Wunder: „Acht Stunden in der KiTa sind für die Kinder genauso anstrengend wie ein langer Arbeitstag für die Eltern“, sagt Doreen Biehl. Um den Kleinsten eine Pause von dieser Anstrengung zu gönnen, schreibt der Gesetzgeber vor, dass sie zwei Wochen pro Jahr aus der Betreuung herausgenommen werden. „Zwei Wochen Urlaub pro Jahr“, runzelt die Erzieherin die Stirn. „Welcher Erwachsene würde so einen Arbeitsvertrag unterschreiben?“

Sabine Asmussen, Einrichtungsleiterin der Kindertagesstätte Sonnenschein

Fühlt sie sich als Familienersatz für einige Kinder? Da schüttelt Doreen Biehl energisch den Kopf. „Bezugsperson ja“, sagt sie, „aber kein Ersatz. Eher eine Erweiterung der Familie.“ Gerade für die ganz Kleinen ist es sehr wichtig, sich in einem vertrauten Umfeld zu bewegen und mit „ihren“ Erzieherinnen und Erziehern eine enge emotionale Bindung einzugehen. Aus dieser Sicherheit heraus können sie dann selbst die Welt entdecken. Damit das gelingt, wird jede Gruppe von zwei festen Erzieherinnen betreut. Und selbst im Krankheitsfall springt nicht einmal die eine und einmal die andere Vertretung ein, sondern in jeder Gruppe immer dieselbe. 

Viele vertraute Gesichter sorgen für ein Umfeld, in dem sich die kleinen Persönlichkeiten entfalten können und das die Erzieher mit möglichst vielen familiären Situationen füllen: gemeinsam kochen und backen, gemeinsam essen, miteinander spielen, singen und basteln. Obwohl Doreen Biehl Basteln für überschätzt hält: „Ich finde nicht, dass in einer Krippe ständig gebastelt werden muss. Grundlegende Verhaltensweisen im Alltag zu etablieren, ist deutlich wichtiger – zum Beispiel Körperpflege, den respektvollen Umgang miteinander und Tischmanieren.“ Auch die Vermittlung christlicher Werte und des nötigen Hintergrundwissens gehört dazu: Warum werden überhaupt Ostern und Weihnachten gefeiert? Was bedeutet es zum Beispiel, barmherzig zu sein und wie macht man das? Natürlich gibt es auch in der KiTa Sonnenschein Kinder mit Migrationshintergrund, für deren Familien der christliche Glaube eher fremd ist. Deren Eltern können dann entscheiden, ob ihr Nachwuchs zum Beispiel mit in die Kirche darf. KiTA-Leiterin Sabine Asmussen verrät: „Verbote hat es bisher noch keine gegeben. Sämtliche Eltern waren in dieser Frage ganz entspannt.“

Mittlerweile sind die ersten Eltern eingetroffen, um ihre Kinder abzuholen. Durch die bemalten Fenster voller gelber Sonnen, blauer Wolken und bunter Blumen, sieht man hauptsächlich Mütter mit schnellem Schritt vorbeihuschen. Wenige Augenblicke später stehen auch Benjamins Eltern im Türrahmen und der Dreijährige vollführt erst einen kleinen Freudentanz und stürmt dann schon mal in Richtung Garderobe. Während er seine Sachen holt, haben Anika und Ronny Krausche einen Moment Zeit.

Eltern Anika und Ronny Krausche mit Sohn Benjamin

Mit der Betreuung hier seien sie sehr zufrieden, nicken beide. Ihr Sohn komme gern hierher und hätte mit Doreen Biehl eine tolle Erzieherin, bei der er sich merklich wohl fühle. „Ich finde, dass die Elterngespräche immer gut und hilfreich sind. Die könnten aber ruhig noch häufiger stattfinden“, wagt Anika Krausche sanfte Kritik. Benjamins Mutter arbeitet im Moment 24 Stunden pro Woche, muss viele Überstunden machen und braucht deshalb die verlässliche Ganztagsbetreuung. Sie holt ihren Sohn in der Regel am Nachmittag ab. „Wenn ich früher aus dem Büro rauskomme, natürlich auch schon früher“, sagt sie, während Benjamin an ihrem Hosenbein zieht – erst spielerisch dezent, mittlerweile zunehmend ungeduldig.

„Für uns war von vornherein klar, dass ich nach einem Jahr Elternzeit wieder arbeiten gehe und dass wir dann eine Betreuung für Benjamin brauchen“, sagt Anika Krausche und ihr Mann nickt dazu. Er arbeitet vorwiegend nachts und hat sehr unflexible Urlaubszeiten. „Eine KiTa mit diesen langen Betreuungszeiten am Ort zu haben, entlastet uns im Alltag schon sehr“, sagt Anika Krausche, bevor sie dem Drängeln ihres Sohnes lächelnd nachgibt und sich mit ihrem Mann verabschiedet, während Benjamin schon längst auf dem Weg in Richtung Parkplatz ist.

Das Kompliment mit der tollen Erzieherin hat Doreen Biehl sichtlich geschmeichelt. „Es ist schon ein tolles Gefühl, zu erleben, wie die Kinder sich freuen, wenn sie uns sehen“, sagt sie. „Und wenn die Eltern unsere Arbeit dann auch noch zu schätzen wissen, ist das umso schöner.“ Die Einschätzung von Familie Krausche entspricht übrigens den Ergebnissen der jährlichen Elternbefragungen, bei der regelmäßig hohe Zufriedenheitswerte gemessen werden. Trotz alldem, ergänzt Doreen Biehl noch schnell, sei die Krippe lediglich die drittbeste Betreuungsmöglichkeit für Kinder unter drei Jahren: „Für die Kinder wäre die beste Variante eine Betreuung durch die Eltern, auf Platz zwei kommen Oma und Opa oder andere Familienmitglieder und erst dann die KiTa.

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