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Felix will mehr

Das Teilhabe Gestaltungssystem (TGS) ist ein Instrument zur Entwicklungsförderung von Menschen mit Behinderung und hat das Leben des an Epilepsie leidenden Felix Schurat bereits nachhaltig verändert.

Aus seinem Wunsch, auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt Fuß zu fassen, entwickelten sich erst ein Praktikum und anschließend ein fester Arbeitstag pro Woche in der Mensa-Küche des Schulzentrums Eckernförde. Sein Küchenchef ist zufrieden und die Kollegen sind nett, die Arbeit macht Spaß und seine Erkrankung ist kein Problem – sodass Felix schon bald den nächsten Schritt in ein selbstbestimmtes Leben machen will.

„Nachtisch fertig?“ fragt Christian Prüß. „Jawoll!“, antwortet Felix Schurat wie aus der Pistole geschossen, wirft aber sicherheitshalber noch einen schnellen Kontrollblick auf den mannshohen Rollwagen, in dem er Schälchen mit Fruchtquark in mehreren Etagen fein säuberlich aufgereiht und abgedeckt hat. Küchenchef Prüß nickt zufrieden und Felix Schurat wendet weiter Bratkartoffeln in einer badewannengroßen Pfanne. Um ihn herum huschen Köche und Küchenhilfen mit schnellen Schritten ins Lager, wieder an ihren Arbeitsplatz und zurück. Es ist später Vormittag und in der Mensaküche des Schulzentrums Eckernförde wird eifrig gebrutzelt und gebacken, portioniert und angerichtet. In gut einer Stunde gehen rund 500 warme Mittagessen über den Ausgabetresen und weitere 250 werden ausgeliefert.

Felix Schurat packt in der Küche an

Felix Schurat leidet unter Epilepsie, ist in der Eckernförder Werkstatt im Bereich Hauswirtschaft beschäftigt und hat in der Küche von Christian Prüß seit gut drei Jahren einen ausgelagerten Arbeitsplatz. Jeden Montag von 8 bis 13 Uhr heißt es für ihn: Salate vorbereiten und anrichten, Nachspeisen portionieren und beim Kochen unterstützen, Behälter reinigen, Arbeitsplätze saubermachen und Essen ausfahren. Seine Spezialität: Dressings für die Rohkost-Salate. „Manchmal dauert’s auch etwas länger – so bis halb zwei“, sagt der 23-Jährige, der sich hier sichtlich wohl fühlt und voll akzeptiert ist. „Felix ist sehr ordentlich und gründlich“, lobt der Chef und auch mit den Kollegen stimmt die Chemie: „Wir haben viel Spaß zusammen“ sagt einer im Vorbeigehen und knufft Felix freundschaftlich an die Schulter. Der lächelt nur und konzentriert sich weiter voll auf die Bratkartoffeln.

Die zentrale Aufgabe der Eckernförder Werkstatt besteht darin, Menschen mit körperlicher oder geistiger Behinderung in das Arbeitsleben einzugliedern – durch Maßnahmen der beruflichen Bildung, Übernahme in den Arbeitsbereich der Werkstatt und Vermittlung in Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen oder auf den allgemeinen Arbeitsmarkt. Damit das nicht nur in möglichst vielen Fällen gelingt, sondern die Beschäftigten dabei auch selbstbestimmter werden und sich entsprechend ihrer individuellen Fähigkeiten und Bedürfnisse persönlich entwickeln können, arbeiten die Fachkräfte hier nach den Richtlinien des Teilhabe Gestaltungssystems (TGS). Von der NGD-Gruppe und vier weiteren Trägern des Norddeutschen Diakonie Netzwerks im Jahr 2008 als Modellprojekt initiiert, ist das TGS heute ein wichtiges Instrument zur Entwicklungsförderung von Menschen mit Behinderung – und das Produkt eines Paradigmenwechsels in der Behindertenhilfe.

Denn während es vor einigen Jahren noch allgemeiner Konsens war, dass Mensch mit Behinderung in erster Linie geschützt und behütet werden müssen, soll ihnen heute eine selbstständige Gestaltung des eigenen Lebens und persönliche Entwicklung ermöglicht werden. „Auf dem Weg dorthin tragen die klaren Strukturen und Methoden des TGS dazu bei, dass die Bedürfnisse der Menschen konkret sichtbar werden“, sagt Sozialpädagogin Evelyn Alder vom Sozialen Dienst der Eckernförder Werkstatt. „Und es öffnet den Blick dafür, inwiefern auch das Umfeld dazu beitragen kann, diesen Bedürfnissen gerecht zu werden.“ Es geht also nicht mehr nur darum, was Menschen mit Behinderung können oder eben nicht, sondern auch darum, wie man Hindernisse aus dem Weg räumen kann, die die Betroffenen in ihrer Entwicklung hemmen.

Felix an einem seiner Arbeitsplätze

Jeder Beschäftigte führt regelmäßige Teilhabegespräche mit Fachkräften für Arbeits- und Berufsförderung und Sozialpädagogen – standardmäßig einmal pro Jahr und darüber hinaus bei individuellem Bedarf. Dort können und sollen dann Wünsche zur persönlichen Entwicklung geäußert und konkrete Ziele genannt werden. Anschließend wird geprüft, welche Fähigkeiten nötig sind, um das Gewünschte zu erreichen, welche notwendigen Voraussetzungen der Beschäftigte schon mitbringt und was er selbst oder das Umfeld zum Gelingen beitragen kann. Häufig werden dann erst einmal Teil- und Zwischenziele ins Auge gefasst, denn der Weg zum Ziel ist in den wenigsten Fällen kurz und direkt, sondern verläuft in der Regel in Etappen und über mehrere Zwischenstationen.

„Wenn jemand sagt, er möchte gerne Koch werden, dann wird er nicht morgen in eine Küche gestellt“, bringt es Evelyn Alder auf den Punkt, die mit ihren Kolleginnen und Kollegen auch an den Teilhabegesprächen teilnimmt. „Zunächst analysieren wir, was nötig ist, um das genannte Ziel zu erreichen und dann begleiten und unterstützen wir den Beschäftigten auf dem Weg dorthin.“ Das wichtigste Werkzeug dabei ist Empathie. Denn um den individuell besten und gangbarsten Weg zu finden, müssen sich die Fachkräfte so gut wie möglich in die Bedürfnisse der Menschen mit Handicap einfühlen. Um beim Beispiel Koch zu bleiben: Was gefällt an diesem Beruf besonders? Ist es vielleicht die Zubereitung der Speisen oder eher die lebendige Arbeitsatmosphäre in der Küche? Und welche Fertigkeiten muss der Beschäftigte noch erwerben, bevor er in die Praxis einsteigen kann?

Für Felix Schurat sind diese Gespräche zwar „immer aufregend und deshalb sehr anstrengend“. Allerdings hätte er ohne TGS den Schritt aus der geschützten Umgebung der Werkstatt vielleicht bis heute nicht gewagt. „Er hat in seiner Entwicklung in jedem Fall einen deutlichen Sprung nach vorn gemacht“, sagt Christel Scheer, Leiterin der Hauswirtschaft in der Eckernförder Werkstatt und Felix’ Betreuerin an seinem ausgelagerten Arbeitsplatz. „Die formale Gestaltung des TGS macht den ganzen Prozess weniger diffus“, ergänzt sie. „Alle Beteiligten sind dazu angehalten, sich ganz bewusst und intensiv Gedanken zu machen und die Ergebnisse konkret zu benennen und zu dokumentieren – von Entwicklungsmöglichkeiten und Zielen bis zu den einzelnen Schritten, die es zur Umsetzung braucht.“

Christel Scheer, Leiterin der Hauswirtschaft

Felix Schurat hatte ursprünglich gar nicht den Wunsch, unbedingt in einer Küche oder Mensa zu arbeiten. Für ihn war es in erster Linie wichtig, auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt beschäftigt zu sein. Der erste Versuch, ihm ein Praktikum bei einer Supermarktkette zu organisieren, scheiterte, weil die Filialleitung dort Vorbehalte gegenüber seiner Krankheit hatte. Als Alternative hatte dann jemand die Idee mit der Mensa. Bevor das Praktikum dort allerdings beginnen konnte, war eine intensive Vorbereitung durch eine Fachkraft notwendig. Dabei wurde nicht nur Felix Schurat auf sämtliche Eventualitäten dieser neuen Situation vorbereitet, sondern auch Küchenchef Christian Prüß.

Der ging mit Felix’ Schurats Handicap allerdings von Anfang an sehr gelassen um, was auch an seiner Vorgeschichte liegen könnte: „Ich habe 20 Jahre Erfahrung mit der Ausbildung von Menschen mit Lernbehinderung“, sagt er. „Natürlich war mir klar, dass Felix besonders zu Beginn etwas mehr Aufmerksamkeit braucht, aber er macht das wirklich toll und ist eine große Hilfe“, sagt Prüß und nickt anerkennend. Hat er keine Bedenken, dass Felix bei der Arbeit einen Anfall bekommen könnte? „Das haben wir gut im Griff“, winkt der Küchenchef ab. Schon bei der Aufgabenverteilung könne man eventuelle Risiken möglichst gering halten: kein Hantieren mit heißen Flüssigkeiten, wenn Messer eingesetzt werden, dann eher kleine, und so weiter.

Epileptische Anfälle sind für Felix Schurat keine Seltenheit: „Och, die habe ich öfter“, sagt er ganz selbstverständlich. Wann, wo und wie oft genau, hängt stark von der jeweiligen Situation ab. Häufige Auslöser sind intensive Gefühle, wie Stress, große Freude oder ganz allgemeine Aufregung. Deshalb möchte Felix Schurat zum Beispiel auch nicht an der Essensausgabe arbeiten: „Auf keinen Fall“, sagt er bestimmt. Dabei flattern die Hände und die Augen wandern rastlos hin und her. „Da gibt es einfach zu viele Kinder. Die gucken alle so komisch. Das macht mir Angst.“ Die Arbeit hinter den Kulissen liegt ihm eher – und scheint auch keine belastenden Gefühle auszulösen. „Felix ist jetzt drei Jahre bei uns“, sagt Christian Prüß, „und in dieser Zeit kann ich mich lediglich an einen Anfall erinnern.“

Da nicht abzusehen war, wie Felix Schurat auf die neue Umgebung in der Küche reagieren würde, war die Begleitung durch seine Fachkraft zu Beginn sehr eng: Obwohl die Mensa nur wenige Minuten Fußweg von der Eckernförder Werkstatt entfernt ist, wurde Felix auf dem Hinweg begleitet. Seine damalige Betreuerin blieb dann einige Zeit vor Ort und zog sich erst zurück, wenn klar war, dass alles gut geht. Im nächsten Schritt legte Felix Schurat den Weg zur Arbeit alleine zurück und seine Fachkraft sah lediglich einmal pro Tag nach dem Rechten. Mittlerweile läuft das alles weitgehend selbstständig. Auch ein Indiz dafür, wie gut ihm die Arbeit in der Küche gefällt.

So gut, dass er sich in seinem letzten Teilhabegespräch einen zweiten Arbeitstag pro Woche gewünscht hat. „Wir haben daraufhin Rücksprache mit dem Arbeitgeber gehalten und dort eventuelle Anforderungen oder Wünsche abgefragt“, sagt Christel Scheer. Der Küchenchef hatte keine Bedenken und so wurde die Idee mit dem zweiten Arbeitstag einen Monat lang getestet. Dabei hat sich allerdings gezeigt, dass die zusätzliche Belastung im Moment doch noch ein wenig zu hoch ist.

 „Am zweiten Tag hing Felix immer ziemlich durch“, erinnert sich Christian Prüß. Hintergrund könnte sein, dass Felix Schurat gerade seinen Umzug aus einer Wohngruppe in eine Wohngemeinschaft plant. Das ist natürlich aufregend und belastend, sodass ihm viele andere Dinge durch den Kopf schwirren und die Konzentration bei der Arbeit begrenzt ist. „Deshalb haben wir vereinbart, in ein paar Monaten einen neuen Anlauf zu unternehmen“, sagt Christel Scheer. Dann ist der Umzug vorbei und in Felix Schurats Alltag ist wieder etwas mehr Normalität eingekehrt. Bis dahin bleibt es bei einem Tag pro Woche in der Eckernförder Mensa-Küche. „Bratkartoffeln fertig?“ ruft Christian Prüß. „Jawoll!“, antwortet Felix Schurat und schwingt weiter pflichtbewusst den Pfannenwender.

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