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Auf Schatzsuche bei der Tide

Die Tide Sozialpsychiatrie hat Arbeitssituationsanalysen in sechs ihrer Teileinrichtungen durchgeführt. Das Ziel: In Gruppengesprächen der Teams sollten psychische Belastungsfaktoren identifiziert und ungenutzte Potenziale entdeckt werden.

„Schätze heben“, nennt das Wolfgang Säckl. Der Berater der Berufsgenossenschaft
BWG hatte die Gespräche moderiert, stellte jetzt die Ergebnisse im Rahmen der „Konferenz der Tide“ vor und legte gemeinsam mit den Mitarbeitenden und der Leitung konkrete Maßnahmen zur Verbesserung der Arbeitssituation fest.

Wolfgang Säckl dokumentiert Gesprächsergebnisse

Fünfundzwanzig Augenpaare wandern immer wieder neugierig zu den großflächigen Pinnwänden, die fast komplett mit beschrifteten farbigen Karten bedeckt sind. Es duftet nach frischem Kaffee, überall wird getuschelt und viel gelacht. Den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Tide Sozialpsychiatrie, die heute die „Konferenz der Tide“ im Rendsburger Bonhoeffer-Haus besuchen, ist ihre gespannte Erwartung anzusehen. Die Konferenz ist eine regelmäßig stattfindende interne Fortbildungs- und
Entwicklungsreihe, bei der sich Betreuerinnen, Betreuer und Mitarbeitende der Verwaltung direkt mit der Einrichtungsleitung über Themen rund um ihre Arbeit austauschen. Heute präsentiert ihnen ein externer Experte die Ergebnisse einer Arbeitssituationsanalyse, die er für sechs der insgesamt elf Teileinrichtungen der Tide durchgeführt hat.

„Aus den Ergebnissen wollen wir gemeinsam mit den Mitarbeitenden konkrete Maßnahmen entwickeln, von denen die einzelnen Teams und natürlich auch die gesamte Tide profitieren“, sagt Tide-Einrichtungsleiter Dr. Joachim Laudien. Die Einrichtung mit Hauptsitz in Büdelsdorf bietet Menschen mit psychischen und sozialen Beeinträchtigungen vielfältige Hilfe und Unterstützung – von der voll- oder teilstationären Betreuung bis zur ambulanten Betreuung im eigenen Wohnraum. Die Teileinrichtungen für den ersten Schritt wurden so ausgewählt, dass sie fachlich und geografisch einen möglichst repräsentativen Querschnitt der Arbeit der Tide repräsentieren. Die Analyse der anderen fünf Teileinrichtungen folgt zeitnah.
Der Impuls für diese Maßnahme entsprang streng genommen einer Mitarbeitenden-Befragung der Tide im Jahr 2014. Aus deren Ergebnissen wurde unter Mitwirkung der Beschäftigten neben anderen Maßnahmen auch die Gründung einer Arbeitsgruppe zum Thema psychische Belastung abgeleitet. Diese wiederum entwickelte die Idee, die Arbeitsplätze der Tide von einem externen Fachmann begutachten zu lassen. „Zweck dieser Methode ist es, dass die Analyse der aktuellen Situation und die Entwicklung der notwendigen Maßnahmen aus der Mitte der Mitarbeitenden kommt – und nicht im Alleingang von der Leitung vorgegeben wird“, sagt Dr. Laudien.

Dr. Joachim Laudien

„Mit den Arbeitssituationsanalysen konnten wir sozusagen das Beste zweier Welten kombinieren: das interne Know-how der Mitarbeitenden und den externen Blick des unabhängigen Fachmanns der Berufsgenossenschaft.“Bei den Arbeitssituationsanalysen (asita), die unter anderem von Beratern der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) durchgeführt werden, ermitteln die Mitarbeitenden in Gruppendiskussionen unter der Leitung von qualifizierten Moderatoren Brennpunkte und ungenutzte Ressourcen innerhalb ihrer Arbeitssituation. Diese „Optimierungszirkel“ wurden in den Teileinrichtungen der Tide von Wolfgang Säckl moderiert. Der ehemalige Wissenschaftsredakteur ist seit zehn Jahrenselbstständiger Berater im Gesundheitswesen. Er kennt die Besonderheiten der Branche und ist Mitglied der „Beratergruppe Nord“ der BGW. „Branchenübergreifend nimmt die Arbeitsverdichtung generell immer weiter zu“, sagt er. „Das führt natürlich zu einer höheren psychischen Belastung der Mitarbeitenden. Und im Gesundheitswesen ist diese Entwicklung besonders markant.“

Etwa zwei Monate ist es am Tag der „Konferenz der Tide“ her, dass er mit den sechs Tide-Teams zu ihrer jeweiligen Arbeitssituationgearbeitet hat. „Inkubationszeit“ nennt Säckl die relativ lange Zeitspanne zwischen den Gesprächen und der heutigen Auswertung – und erklärt: „Viele Probleme am Arbeitsplatz sind tagesaktuell geprägt. Wenn man sich nach einem gewissen Zeitraum wieder mit ihnen beschäftigt, hat sich vieles schon von selbst erledigt. Übrig bleiben dann die grundsätzlichen Dinge, die man angehen sollte.“
Die Ergebnisse hängen jetzt in Form von gelben, grünen und hellblauen beschrifteten Karten an sechs großformatigen Pinnwänden. Auf den gelben Karten hat Wolfgang Säckl die Belastungen dokumentiert, die die Mitarbeitenden in den Gesprächen genannt haben, Grün steht für Verbesserungsvorschläge und Hellblau für positive Dinge. “Bürosituation“ oder „Erreichbarkeit des Chefs“ steht zum Beispiel auf Gelb, „Arbeitsorganisation“ oder „Doku computerisieren“ auf Grün und „Arbeitsumgebung“ und „Eigenverantwortliches Handeln“ auf Blau – jeweils mit einer kurzen Erklärung, was genau im Einzelfall mit den jeweiligen Schlagworten gemeint ist. Dabei fällt auf, dass an manchen Tafeln mehr hellblaue als gelbe oder grüne Karten hängen. „Das ist natürlich generell ein sehr gutes Zeichen“, kommentiert Wolfgang Säckl. „Schon während der Gespräche in den Teileinrichtungen ist mir aufgefallen, dass auch sehr viele positive Aspekte zur Sprache kamen.“
Dass die Beschäftigten ihren Arbeitgeber über Gebühr gelobt haben, weil ihre Vorgesetzten anwesend waren, scheidet als Erklärung für den positiven Grundtenor aus. Denn um ein möglichst konkretes, ungefiltertes und authentisches Stimmungsbild einfangen zu können, fanden die Gespräche zwischen Wolfgang Säckl und den Mitarbeitenden ausschließlich innerhalb einer Hierarchieebene statt. Vorgesetzte mussten also draußen bleiben.

„Wir leben in der Tide eine Kultur der offenen Kritik“, sagt Björn Borchert. „Wenn Fehler passieren, wird damit konstruktiv umgegangen. Auch die Einrichtungsleitung selbst ist sehr kritikfähig und hat immer ein offenes Ohr. Ich habe vorher bei mehreren privaten Anbietern gearbeitet. Dort herrschte deutlich mehr Druck und die Kommunikation zwischen den Hierarchieebenen ist eher einseitig.“ Heute arbeitet Borchert als Betreuer in der Tide-Teileinrichtung „Villa Toni/Rathausmarkt“ in Eckernförde. „Inhaltlich war die Methode von Herrn Säckl sehr hilfreich“, sagt er. „Wenn die Leitungsebene dabei ist, geht es schnell um übergeordnete Themen, die die gesamte Tide oder die äußeren Rahmenbedingungen betreffen. So konnten wir uns im ersten Schritt ganz auf unsere individuelle Arbeitssituation konzentrieren.“ Berührungsängste gegenüber dem externen Berater hat er dabei nicht ausmachen können: „Die Gespräche waren sehr ehrlich und konstruktiv“, erinnert er sich und ergänzt lächelnd: „Da konnte man wirklich alles rauslassen.“
Entscheidend für diese Art der Analyse ist es, die interne Perspektive der Mitarbeitenden zu nutzen, um unentdeckte Potenziale zu erkennen. Das Vorgehen basiert dabei methodisch immer auf denselben Grundsätzen, wird aber im Einzelfall an die Bedürfnisse der Kunden angepasst. Bei der Tide liegt die Besonderheit darin, dass die Mitarbeitenden auch in die Auswertung der Ergebnisse eingebunden werden. „Solch eine gemeinsame Veranstaltung von Leitung und Mitarbeitenden gibt es nur bei sehr wenigen Arbeitgebern“, sagt der Berater. „Der heutige Zwischenschritt im direkten Dialog mit den Teams ist eher unüblich.“ Dann wird es ernst: Wolfgang Säckl stellt noch einmal kurz den Ablauf bis hierher dar, bevor die Anwesenden ein paar Minuten Zeit bekommen, um sich die Ergebnisse auf allen sechs Tafeln genau anzusehen. In den ersten fünf Minuten herrscht konzentrierte Stille, dann beginnen schon die ersten leisen Diskussionen. Man redet und scherzt – und erkennt erleichtert, dass die Kolleginnen und Kollegen offenbar ähnlichen Belastungen ausgesetzt sind wie man selbst.

Guppenarbeit unter Kolleginnen und Kollegen

Dann beginnt die Gruppenarbeit: Die gesammelten Themen werden in ein Koordinatenkreuz mit den Achsen „Effektivität“ und „Aufwand“ eingeordnet. So werden die Verbesserungsmöglichkeiten identifiziert, die schnell und relativ einfach umsetzbar sind und trotzdem einen möglichst großen positiven Effekt auf die Arbeitssituation haben – zum Beispiel die Anschaffung eines Laptops für die digitale Dokumentation. „Zunächst die tief hängenden Früchte ernten“, nennt Wolfgang Säckl das.
„Mit diesem Ansatz können wir schon heute viele konkrete Maßnahmen beschließen und reden nicht nur über wolkige Vorsätze für übermorgen.“ Wobei grundsätzliche und organisatorisch aufwändige Themen natürlich nicht ausgeklammert werden – Priorität haben aber erst einmal die schnell realisierbaren Verbesserungen.
Gearbeitet wird in Zweiergruppen, die sich anschließend zu größeren Gruppen zusammenschließen. Im Anschluss präsentiert und kommentiert jede Gruppe ihre Ergebnisse. Das ist für die meisten sichtlich ungewohnt, aber alle geben sich Mühe und sind mit großem Engagement dabei. Zu jedem Thema werden konkrete Maßnahmen beschlossen und von Wolfgang Säckl für alle sichtbar dokumentiert. Gemeinsam setzt die Runde feste Zeitrahmen und benennt Verantwortliche für die jeweilige Umsetzung.
Wenn die Vereinbarungen unkonkreter werden, bleibt Säckl hartnäckig: Als es um die Anschaffung von Laptops geht, schlägt ein Mitarbeiter die Formulierung „in angemessener Anzahl“ vor. „Zu weich“, entgegnet der Berater und besteht auf einer konkreten Zahl.  „Sagen wir zwei“, ruft ein anderer, „dann kriegen wir einen.“ Und alles lacht – auch Dr. Laudien. Während der Diskussion hört der Einrichtungsleiter in erster Linie aufmerksam zu. Nur vereinzelt schaltet er sich ein, um mögliche Lösungswege vorzuschlagen.
„Leider können wir nicht alle Wünsche sofort erfüllen“, sagt er. „Denn uns steht natürlich nur eine begrenzte Menge an Ressourcen zur Verfügung. Damit die im Interesse der Teams und der gesamten Tide optimal eingesetzt werden können, ist es wichtig, dass wir darüber reden und Wege finden, mit denen alle leben können.“ Einen weiteren Beitrag werden im nächsten Schritt die asitas in den fünf noch fehlenden Teileinrichtungen der Tide leisten – und dabei hoffentlich im Gespräch mit den Mitarbeitenden noch den einen oder anderen Schatz heben.

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