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Die Barrieren-Versteher

Mit capito Schleswig-Holstein haben die Schleswiger Werkstätten das erste Büro für Barrierefreiheit im nördlichsten Bundesland eröffnet.

Das capito-Team besteht zum Teil aus Menschen mit geistigem oder körperlichem Handicap, die in Prüfgruppen wesentlich dazu beitragen, physische und sprachliche Hindernisse zu erkennen, zu verstehen und zu beseitigen – damit sich Barrierefreiheit möglichst bald von einer lästigen Pflicht zum positiven Imagefaktor entwickelt.

„Das hat wirklich Spaß gemacht!“ Szilvia Kelting lächelt zufrieden, wenn sie von ihrer Arbeit als Expertin für capito Schleswig-Holstein erzählt. Das Unternehmen der Schleswiger Werkstätten bietet Dienstleistungen, Beratungen und Workshops rund um das Thema Barrierefreiheit. Dabei ergänzen Menschen mit psychischen oder physischen Beeinträchtigungen die objektiven Kriterien von capito um ihre persönliche Sichtweise und ihre Erfahrungen – indem sie als Prüfgruppen-Mitglieder zum Beispiel die Barrierefreiheit von Gebäuden oder die Verständlichkeit von Texten prüfen, die in leicht verständliche Sprache übersetzt wurden. „Meine erste Prüfung war der Werkstattvertrag“, erinnert sich Szilvia Kelting. Mit diesem Vertrag werden in den Schleswiger Werkstätten die Beschäftigungsverhältnisse von Menschen mit Behinderungen geregelt – vom Arbeitsentgelt und der Sozialversicherung über Arbeitszeiten, Urlaub und andere wichtige Fragen. Der Original-Vertrag war juristisch wasserdicht formulierte schwere Kost, die mit mittlerer oder niedriger Lesekompetenz kaum zu verstehen ist.
Das zu ändern und den Werkstattvertrag in leicht verständliche Sprache zu übersetzen, war der erste große Auftrag für capito Schleswig-Holstein.
„Eines unserer grundlegenden Ziele ist ja, Menschen mit Handicap auf ihrem Weg in ein möglichst selbstbestimmtes Leben zu unterstützen“, sagt Jan-Henrik Schmidt, Einrichtungsleiter der Schleswiger Werkstätten und einer der Initiatoren des Büros für Barrierefreiheit (Interview dazu ab S. 34). „Dazu gehört natürlich auch, dass wir ihnen Verträge, die sie bei uns unterschreiben sollen, in einer Form präsentieren, die für sie verständlich ist.

Viola Pjede von capito Schleswig-Holstein

„Ein Riesenprojekt“, sagt Viola Pjede. Unter anderem, weil bei den Prüfungen und Abstimmungen immer wieder eine große Bandbreite potenzieller Verständnisprobleme aufgezeigt werden. Die lauern oft an unerwarteten Stellen: Eine der capito-Regeln für leicht verständliche Sprache lautet zum Beispiel, dass zusammengesetzte Substantive mit Bindestrich geschrieben werden – der besseren Lesbarkeit wegen. Wenn aber zum Beispiel der „Gruppenleiter“ neu als „Gruppen-Leiter“ auftaucht, sorgt das nicht unbedingt für Erhellung, sondern kann auch verwirren. Denn mal wird der Bindestrich als Minuszeichen gelesen, mal wird durch die Entkoppelung der Wörter der Zusammenhang in Frage gestellt. „Als ich zum ersten Mal ’Gruppen-Leiter’ gelesen habe, habe ich mich gefragt: Was hat denn die Leiter da zu suchen?“, lacht Dennis Ehnert.
Er sitzt im Rollstuhl und ist nicht nur in Prüfgruppen zur sprachlichen Barrierefreiheit im Einsatz, sondern auch bei einem weiteren Tätigkeitsbereich von capito Schleswig-Holstein: der physischen Barrierefreiheit.

Anna Lang von capito Schleswig-Holstein

„Dabei arbeiten wir im Wesentlichen in zwei Richtungen“, sagt Wolfgang Albrecht. Er arbeitet als Werkstattleiter bei den Schleswiger Werkstätten und ist bei capito Schleswig-Holstein verantwortlich für den Bereich der physischen Barrierefreiheit. „Einerseits unterstützen wir Architekten bei der Planung barrierefreier Gebäude, andererseits führen wir umfassende Analysen vorhandener Immobilien durch.“ Dazu werden bei einer ausführlichen Begehung vor Ort sehr umfangreiche Checklisten abgearbeitet, die speziell auf unterschiedliche Raumtypen und Behinderungen ausgerichtet werden können.
„Denn Barrierefreiheit bedeutet nicht für jeden Menschen dasselbe“, erklärt Wolfgang Albrecht. Rollstuhlfahrer haben mit ganz anderen Schwierigkeiten zu kämpfen als beispielsweise gehörlose, kleinwüchsige oder blinde Menschen. Auch hier setzt capito auf die Unterstützung der Betroffenen: „Jede unserer Begehungen machen wir gemeinsam mit einer Prüfgruppe“, sagt der Werkstattleiter. Die ist jeweils so zusammengestellt, dass sie die wichtigsten Anforderungen durch Erfahrung und Einschätzungen aus erster Hand beurteilen kann.

René Philipps und Manuela Paulsen

Eine seiner ersten Prüfungen auf physische Barrierefreiheit hat das Team von capito im Bonhoeffer-Haus durchgeführt, der Geschäftsstelle der NGD-Gruppe in Rendsburg. Das Ergebnis: „Für Rollstuhlfahrer ganz in Ordnung, aber für Blinde eher schwierig“, fasst Wolfgang Albrecht die Analyse diplomatisch zusammen. „Dabei sind es häufig ganz banale Kleinigkeiten, die mit wenig Aufwand schnell verbessert werden können“, sagt er. „Und das werden wir auch kurzfristig tun.“ Während das Thema physische Barrierefreiheit in Deutschland eher eine untergeordnete Rolle spielt, sind andere Länder bereits deutlich weiter: „International wird unsere Methode schon viel intensiver genutzt“, sagt Wolfgang Albrecht. In Österreich lassen sich zum Beispiel Hotels, Restaurants und Ferienanlagen ganz selbstverständlich auf Barrierefreiheit überprüfen. Damit das auch in Deutschland bald der Fall ist, will das Team von capito Schleswig-Holstein nicht nur ganz praktisch zur sprachlichen und physischen Barrierefreiheit beitragen, sondern auch Menschen ohne Handicap stärker für dieses Thema sensibilisieren: „Wir wollen die Barrierefreiheit in die Gesellschaft hineintragen“, sagt Wolfgang Albrecht, „damit es sich vom stiefmütterlichen
Thema zum positiven Imagefaktor entwickelt.

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