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„Der Coach macht vieles leichter.“

Habtgergish K. aus Eritrea und Hossein J. aus Afghanistan sind geflohen – vor Krieg und Tod, vor Perspektivlosigkeit und militärischer Willkür.

Sie haben sich auf überfüllten Flüchtlingsbooten gedrängt, waren unter LKWs geschnallt und sind mit Schlepperbanden nächtelang durch unsichere Grenzgebiete gelaufen. Im Ausbildungsverbund Neumünster bauen sich beide jetzt ein neues Leben in Deutschland auf: Sie lernen die Sprache, bereiten sich auf eine Berufsausbildung vor und arbeiten auf einen festen Job hin – mit Willen, Disziplin und der Unterstützung durch einen Job-Coach.

„Früher dachte ich, Europa ist das Paradies“, sagt Habtgergish K. Während seiner Jugend in Eritrea habe er sich Europa als einen Ort vorgestellt, an dem es keine armen Menschen gebe und an den man nicht einfach so fahren könne. „Als ich dann in Mailand zum ersten Mal in einem europäischen Land aus dem Zug gestiegen bin, habe ich die vielen Obdachlosen und Bettler gesehen und dachte nur: Das kann nicht Europa sein.“
Der 18-Jährige erzählt das mit einem Lächeln und mit einer Stimme, in der keine Enttäuschung mitschwingt, sondern eher Amüsement über eine weitere harte Realität in seinem Leben, die er auch noch meistern will. Dass er das schaffen wird, daran hat man keine Zweifel, wenn Habtgergish K. seine Geschichte erzählt: Als er aus Eritrea nach Äthiopien geflüchtet war, lebte er dort mit 10.000 anderen Flüchtlingen sieben Monate lang in einem Camp. „Dann habe ich viel Geld bezahlt, um illegal in den Sudan zu kommen“, sagt er. Um unentdeckt zu bleiben, legte er den 13-tägigen Fußmarsch gemeinsam mit einer Gruppe nur bei Dunkelheit zurück. Im Sudan versteckte er sich dann drei Wochen lang in einer Wohnung – zusammen mit rund 100 anderen Menschen auf der Flucht. Vom Sudan aus ging es nach Libyen und von dort nach fünf Monaten im Gefängnis weiter auf einem überfüllten Schiff nach Lampedusa. Rund 250 Menschen seien an Bord gewesen – auch viele Schwangere und Kinder. Nach einer Zwischenstation in Mailand wurde er dann auf dem Weg nach Schweden in Flensburg von der deutschen Polizei aufgegriffen. Er hatte keinen Ausweis dabei und wurde als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling eingestuft. Damals war er 15. Das war vor rund zweieinhalb Jahren, die Habtgergish K. zum Großteil in Einrichtungen der Jugendhilfe verbracht hat. Seinen langen Weg nach Deutschland beschreibt er zwar locker wie eine Abenteuergeschichte, aber in wenigen Momenten zwischendurch bröckelt die coole Fassade: „Wenn ich mich heute daran erinnere, habe ich Angst“, sagt er leise. „Aber damals nicht.“ Damals ging es nur ums Weiterkommen, ums Nicht-entdeckt-Werden und ums Überleben. Da war für Angst kein Platz. Heute ist er volljährig, lebt in seiner eigenen kleinen Wohnung und bereitet sich im Ausbildungsverbund Neumünster (AVN) auf eine handwerkliche Berufsausbildung vor: In der Tischlerei des AVN lernt er die praktische Seite der Holzverarbeitung kennen und besucht darüber hinaus die Walter-Lehmkuhl-Schule, ein regionales Berufsbildungszentrum für Gewerbe und Technik der Stadt Neumünster. Dort lernen etwa 120 junge Menschen für den Start ins Arbeitsleben. Die meisten von ihnen kommen aus Afghanistan und Syrien, aus dem Iran, dem Irak und Eritrea. Lernschwerpunkt zu Beginn ist der Deutschunterricht in den speziell gebildeten DaZ-Klassen – das steht für „Deutsch als Zweitsprache“. Ist das Sprachniveau ausreichend, kommen Pflichtfächer aus den Bereichen Mathematik, Technik oder Werkstatt dazu. Das Ziel: Die jungen Menschen auf ein Bildungsniveau zu bringen, mit dem sie anschließend in den Arbeitsmarkt integriert werden können. Dabei sind die Voraussetzungen sehr unterschiedlich und die Bildungsniveaus reichen vom Analphabeten bis zum Akademiker mit abgeschlossenem Studium.

Hossein J.  aus Afghanistan


„Zum Teil müssen die jungen Leute da in sehr kurzer Zeit wirklich eine Menge nachholen“, sagt der Job-Coach. „Ausbildung und Arbeit für alle“ heißt das Projekt, das auch dem jungen Mann aus Eritrea eine berufliche Zukunft in Deutschland ermöglichen soll. Dabei werden junge Migrantinnen und Migranten von so genannten Job-Coaches unterstützt. Denn der Berufseinstieg in Deutschland ist für sie voller Hindernisse und Unwägbarkeiten: von mangelhaften Sprachkenntnissen über fehlende Papiere bis zu notwendigen Schulabschlüssen und unverständlichen Formularen. Um Betriebe und Bewerber trotzdem zusammenzubringen, kümmern sich die Job-Coaches zum Beispiel um die Anerkennung bereits vorhandener Qualifikationen, begleiten die jungen Migranten zu Behördengängen und unterstützen bei ganz alltäglichen Problemen. 
„Wenn zum Beispiel mal wieder das Handy-Guthaben aufgebraucht ist“, sagt Irene Dittrich mit scherzhafter Strenge. Die studierte Pädagogin ist der Job-Coach von Habtgergish K. und von fünf weiteren Migranten. Mit ihren Schützlingen trifft sie sich regelmäßig einmal in der Woche, um Schulstoff aufzuholen, Behördenpost zu übersetzen – und um Deutsch zu lernen. „Das klappt bei den meisten meiner Jungs in Bezug auf das Sprechen schon sehr gut“, sagt sie, „Aber mit dem Lesen und Schreiben auf Deutsch haben viele noch große Schwierigkeiten.“ Dadurch haben sie oft auch in den Schulfächern nur mäßige Noten, deren Stoff sie inhaltlich eigentlich beherrschen – wie zum Beispiel Mathematik, wo sie häufig mit umständlich formulierten Textaufgaben zu kämpfen haben. „Die Sprache ist immer das Wichtigste“, sagt Hossein J. „Wenn du zum  Beispiel zu einem Bankgespräch gehst, dann musst du Deutsch können.“ 
Der 24-Jährige stammt aus Afghanistan und ist bereits seit vier Jahren in Deutschland. Er ist betont höflich und redet leise, aber mit Nachdruck. Nur das pausenlose Kneten seiner Hände verrät seine Nervosität. Die Geschichte seiner Flucht erzählt er nüchtern und ohne großes Pathos: Als sein Vater von den Taliban getötet wurde, floh er gemeinsam mit seiner Mutter vor dem Krieg in der Heimat. Dabei wurde er unter anderem in der Türkei inhaftiert, war für 24 Stunden unter einen LKW geschnallt und hat sich in Frankreich als Tourist ausgegeben. „Ich wollte nicht entdeckt werden und habe einfach gesagt, ich sei aus Nepal“, sagt er ohne eine Miene zu verziehen. Durch einen Schlepper gelangte er schließlich über Frankreich und Italien nach Deutschland. Genau wie Habtgergish K. wollte auch er eigentlich nach Schweden. Aber auf dem Weg zur dänischen Grenze war der Transporter seiner Schlepper in einen Unfall verwickelt. Dann kam die Polizei. Seine Mutter hatte er da schon aus den Augen verloren. „Vor der Reise hat unser Schlepper Frauen und Männer getrennt“, erzählt er. „Das war das letzte Mal, dass ich sie gesehen habe.“ Hossein J. ist zurückhaltend, aber auch sehr ehrgeizig und ein echter Macher. Als ihm das Sozialamt nach seiner Ankunft in Deutschland keinen Sprachkurs finanzierte, begann er einfach, sich selbst Deutsch beizubringen. Auch den Umzug in eine eigene Wohnung hat er in Eigenregie organisiert: „Ich bin es gewohnt, Sachen allein zu machen, und habe noch viele Ziele“, sagt er. Sein Plan steht fest: Erst kommt der Schulabschluss, dann ein Praktikum, dann eine Ausbildung zum Fliesenleger und schließlich ein fester Job. „Ich kann das nur Schritt für Schritt erreichen“, sagt er, „und zuerst muss mein Deutsch komplett werden.“ Das ist ziemlich selbstkritisch, denn er redet flüssig und gut verständlich. Das könnte daran liegen, dass er ein echtes Sprachtalent ist und neben seiner Muttersprache „Dari“ auch noch Iranisch, Afghanisch und ein bisschen Englisch spricht.
Auch Hossein J. wird von Irene Dittrich betreut. „Der Coach macht vieles leichter“, sagen beide übereinstimmend. Allerdings brauchen die jungen Männer nicht nur Unterstützung im Alltag, um ihre Zukunft in die eigenen Hände zu nehmen, sondern auch Planungssicherheit. Viele unbegleitete minderjährige Flüchtlinge haben keinen festen Aufenthaltsstatus, sondern leben mit einer Duldung in Deutschland. Die ist zwar jederzeit widerrufbar, gilt aber meistens bis zur Volljährigkeit. Dann kommt es darauf an, ob die Flüchtlinge die Voraussetzungen für einen Aufenthaltstitel erfüllen – zum Beispiel einen Schulabschluss nachweisen können.

In der Tischlerei des AVN Neumünsters
 
Der Aufenthaltstitel von Hossein J. wurde gerade um zwei Jahre verlängert. „Vorher war ich wie ein Ballon“, sagt er und meint damit, dass er sich in einem permanenten Schwebezustand befunden habe, der nur schwer zu ertragen war: „Ich habe mir immer Sorgen gemacht.“ Das ist jetzt zum Glück erstmal vorbei. Bei Habtgergish K. läuft noch die erste, dreijährige Phase der Aufenthaltserlaubnis. Dass er vor kurzem volljährig geworden ist, bringt allerdings Veränderungen der Regeln mit sich: Seine Eltern sind noch im Sudan. Wann er sie persönlich wiedersehen kann, ist unklar: „Bei Minderjährigen dürfen die Eltern im Normalfall nachreisen“, erklärt Irene Dittrich. „Sobald die Kinder volljährig sind, ist das nicht mehr so leicht.“ Auch deshalb ist das Smartphone für den jungen Mann aus Eritrea so elementar: Es ist das letzte und einzige Mittel, um den fragilen Kontakt zu seiner Familie aufrechtzuerhalten. Das beschäftigt natürlich, lenkt von vielen anderen Dingen ab und macht den Umgang mit den ungewohnten Lebensumständen in der neuen Heimat nicht leichter: Die Vorschriften sind komplizierter, das Wetter kälter und die Menschen reservierter. „Deutschland hat so wahnsinnig viele Gesetze“, sagt Habtgergish K. „Außerdem gibt es hier für alles Formulare“, ergänzt Hossein J. „In meiner Heimat braucht man nicht so viel Papier.“ Auch bei solchen Anpassungsproblemen hilft Irene Dittrich: „Als Job-Coach hat man mehr als nur eine Funktion. Man ist Elternersatz, Berater und Freund, Lehrer und manchmal auch Anwalt“, sagt sie mit einem Lächeln. „Was ich allerdings nicht ersetzen kann und was tatsächlich fehlt, sind deutsche Freunde.“ Auch weil die DaZ-Klassen (Deutsch als Zweitsprache) am Berufsbildungszentrum aufgrund des Unterrichtsstoffs ausschließlich aus Flüchtlingen bestehen, kommt der Kontakt zu deutschsprachigen Jugendlichen leider oft zu kurz – obwohl er gerade für den schnellen Spracherwerb extrem wichtig wäre. „Meine Freunde hier in Neumünster kommen fast alle aus Afghanistan“, sagt Hossein J., „aber deutsche Freunde wären schon gut.“ Bei Habtgergish K. sieht es nicht anders aus: „Ich habe viele Freunde aus vielen Nationen“, sagt er, „aber Deutsche sind nicht dabei.“ Die seien im persönlichen Kontakt zwar freundlich und nett, aber eher unverbindlich: „Hallo, wie geht’s und tschüss“, sagt er – das sei ein klassisches Gespräch. Trotz aller Schwierigkeiten sind beide auch emotional in Deutschland angekommen: „Ich bin zwar manchmal einsam und es regnet oft, aber ich will hier bleiben und habe noch viel vor“, sagt Hossein J. entschlossen. Und Habtgergish K. nickt zustimmend: „Ich will in Deutschland bleiben, aber dabei Eritrea nicht vergessen. Hier ist jetzt meine zweite Heimat.“

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