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Gemeinsam über sich hinauswachsen

Mehr als 130 Athleten aus acht verschiedenen Werkstätten für Menschen mit Behinderungen der NGD-Gruppe treten bei den Special Olympics 2018 in Kiel an.

Das Herz ist zu ihrem Markenzeichen geworden: Immer, wenn sie fotografiert wird, formt Michaela Harder mit ihren Händen ein Herz. Und fotografiert wird die 34-Jährige in den letzten Monaten viel.

Sie ist ein „Gesicht der Spiele“ und damit Repräsentantin und Botschafterin der Special Olympics Deutschland 2018 in Kiel. Wie wird man Werbegesicht für so ein großes nationales Sport-Event?

Natürlich, wenn man selbst Sport treibt! Michaela Harder arbeitet im Kfz-Bereich in den Schleswiger Werkstätten. Seit knapp vier Jahren nutzt sie dort das Sport-Angebot. Und das nicht ohne Ehrgeiz: Vor zwei Jahren konnte sie sich für die Special Olympics in Hannover qualifizieren und holte eine Bronzemedaille im Schwimmen. Nun tritt sie in einer anderen Disziplin an und startet als Läuferin in der Leichtathletik. „Neben Laufen und Schwimmen mache ich auch noch Tanz und Kampfsport“, strahlt die Wettkämpferin, die von allen nur „Ela” genannt wird. Zum „Gesicht der Spiele“ wurde sie dank Trainerin Katja Herber, der Sportkoordinatorin der Schleswiger Werkstätten. „Katja hat mich vorgeschlagen, und als dann bekannt gegeben wurde, dass ich es geworden bin, konnte ich es erst gar nicht glauben! Das bedeutet mir sehr viel und macht mich sehr stolz,“ erzählt Michaela Harder. Aber es bringt auch viel Arbeit und viele Termine mit sich. Zum Beispiel das große Fotoshooting für die Plakate, auf denen sie mit zwei weiteren Special-Olympics-Athleten sowie Rune Dahmke und Steffen Weinhold, Profi-Handballern von THW Kiel, zu sehen ist. Und mit denen gab es in der Folge auch schon Pressetermine und -Interviews, so etwa auch in der ausverkauften Sparkassen-Arena vor einem Heimspiel des THW. Da wundert es nicht, dass Michaela Harder auch schon mal in der Schlange an der Supermarktkasse angesprochen wird. 

Bei allen Werbemaßnahmen kommt der Sport aber nicht zu kurz. Wird unter normalen Umständen wöchentlich trainiert, stehen kurz vor den Spielen in Kiel natürlich vermehrt Trainingseinheiten an.

Die Stimmen der Spiele

Aber nicht nur für sie. Denn für die Schleswiger Werkstätten konnten sich insgesamt 47 Sportlerinnen und Sportler in sieben verschiedenen Disziplinen qualifizieren. Einer davon ist Benjamin Koch, der mit seinem Fußballteam antritt. Er steht während der Special Olympics allerdings nicht nur auf dem Feld, sondern auch hinter dem Mikrofon: Für den Radiosender R.SH ist er als Reporter unterwegs.

Benny Koch und seine Mannschaftskollegen haben sich im Übrigen ein hohes Ziel gesteckt. „Wir wollen im Frühjahr 2019 nach Abu Dhabi zu den Internationalen Special Olympics. Wenn wir jetzt in Kiel den ersten oder den zweiten Platz machen, dann bekommen wir den Flug. Und das wollen wir erreichen“, so der 21-Jährige, der im defensiven Mittelfeld spielt. „Aber wir wissen auch, dass die Konkurrenz nicht schläft und man die anderen Mannschaften nicht unterschätzen darf“, räumt er lachend ein. Immerhin haben sie 2016 in Hannover bereits Bronze nach Schleswig geholt. 

„Sport muss für Menschen mit Behinderung populärer werden“

Koch ist nicht der einzige, der in einer Doppelfunktion als Medienvertreter in Kiel unterwegs sein wird. Franz Bechler aus den Norderstedter Werkstätten bloggt bereits seit Ende 2017 für die Special Olympics und stimmt in Videobeiträgen auf die Spiele ein. Der 28-Jährige hat schon an vielen Spielen als Athlet teilgenommen. Zuletzt feierte er zusammen mit seiner Floorball-Mannschaft bei den Weltwinterspielen Schladming 2017 die Bronzemedaille. Jetzt freut er sich darauf, in der Leichtathletik sein Bestes zu geben. Die Norderstedter Werkstätten schicken außerdem ein Tandem-Team ins Reporter-Rennen: Tobias und sein Vater Jo Meyer haben sich die Berichterstattung über die vier Wettkampf-Tage auf die Fahnen geschrieben, unterstützt von zwei Fotografen. Und noch einen besonderen Teilnehmer haben die Werkstätten in Norderstedt, in denen das Thema Sport wie in Schleswig ganz groß geschrieben wird: Athletensprecher Sebastian Kröger. Athletensprecher vertreten die teilnehmenden Sportlerinnen und Sportler und ihre Interessen. Je nach Größe hat jeder Special-Olympics-Landesverband einen oder mehrere – Sebastian Kröger ist der Athletensprecher für Schleswig-Holstein. Klar, auch er ist Vollblutsportler, macht Leichtathletik, schwimmt und spielt Floorball. „Sport hält mich fit und gesund. Ich kann sehr gut dabei abschalten. Außerdem macht mich der sportliche Erfolg sehr glücklich“, so Kröger begeistert. Und Erfolge kann er bereits einige verbuchen: „Ein Highlight war meine erste Goldmedaille 2013 in Hamburg und dann natürlich meine Bronzemedaille im Weitsprung bei den Internationalen Spielen in Los Angeles 2015.“ Seit 2013 ist der Norderstedter ehrenamtlich als Athletensprecher unterwegs, auf Veranstaltungen und Pressekonferenzen repräsentiert er seinen Landesverband. „Mein Ziel ist, dass Menschen mit und ohne Behinderung zusammen Sport treiben. Dazu muss der Sport für Menschen mit Behinderung populärer werden“, so der 27-Jährige, der bei den Spielen in der Leichtathletik antritt. Die Athleten der Norderstedter Werkstätten treten so auch in den Unified-Disziplinen Basketball, Tischtennis und Radrennen an. Das bedeutet, dass Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam ein Team bilden. Weitere Unified-Teams kommen übrigens auch aus den Schleswiger und Glückstädter Werkstätten.

Dem Athletensprecher Sebastian Kröger stehen nun zwei besondere Aufgaben bevor: Er nimmt zusammen mit Landtagspräsident Klaus Schlie die Special-Olympics-Flamme entgegen, die zwei Tage vor dem Start auf einem Kanu über die Förde Kiel erreicht. Und eine ebenso ehrenvolle Pflicht erwartet ihn während der Eröffnungsfeier: Er wird dann vor 10.000 Menschen den Eid der Athleten sprechen. 

Gemeinsam stark

Eine große Ehre war es auch für Michaela Harder, die Schirmherrin der Special Olympics, Elke Büdenbender, und Ministerpräsident Daniel Günther in Berlin zu treffen. Zwei Wochen vor dem Start der Special Olympics fand hier der Fackellauf statt, der vom Schloss Bellevue über das Brandenburger Tor bis zu den Ministergärten führt. Unter den rund 150 Läufern fanden sich Athletinnen und Athleten aus Berliner und Brandenburger Einrichtungen, deren Freunde und Unterstützer, Schüler und Ehrenamtler. Und mittendrin: Michaela Harder, die Seite an Seite mit ihrer Trainerin Katja Herber mitlief und für ein Stück der Strecke die Special-Olympics-Flamme tragen durfte.

Über 130 Athleten aus acht verschiedenen Werkstätten für Menschen mit Behinderungen der Gruppe Norddeutsche Gesellschaft für Diakonie (NGD-Gruppe) nehmen an den Special Olympics teil, dazu kommen rund 70 Trainer und Betreuer. Außerdem dabei: Junge Teilnehmende der Perspektive Bildung Ausbildungsverbund Kiel, die für das Catering am Stand des Diakonisches Werks Schleswig-Holstein in der Olympic Town an der Kiellinie sorgen. Hier steht auch ein Info- und Probierstand der Hohenwestedter Werkstatt, die ihr Quellwasser gut2 vorstellt. Die Stormarner Werkstätten Bad Oldesloe präsentieren außerdem ihre Ausstellung „Glücksfall Arbeit“.

Mit großem Teamgeist, aber ganz ohne sportliche Ambitionen sind zudem die „Kanalrocker” beteiligt. Das ist der Name der Workshop-Band von „musik in uns”, einem Musik-Projekt der NGD-Gruppe, bei dem Menschen mit und ohne Behinderungen gemeinsam auf der Bühne stehen. Sie werden auf Einladung von Ministerpräsident Daniel Günther bei einem Empfang im Landeshaus auftreten – und sind genau wie die Athleten gemeinsam stark.

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