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Sozial + Digital = Potenzial

Ob hinter diese Gleichung ein Frage- oder ein Ausrufezeichen zu setzen ist, darum ging es beim Jahresempfang der Gruppe Norddeutsche Gesellschaft für Diakonie am 24. April 2018.

Rund 200 Gäste aus Politik, Wirtschaft und Sozialwesen konnte Martin Seehase im Landeshaus in Kiel begrüßen. Der Geschäftsführer des Bereichs Arbeiten und Wohnen mit Assistenz hat dabei den erkrankten Vorsitzenden der Geschäftsführung, Georg Kallsen, vertreten.
Schon bei der Ausgabe der Namensschilder haben die Ankommenden Kärtchen mit einem QR-Code und einer Internetadresse bekommen: So konnten sie sich von Anfang mit der Frage beschäftigen, wie man selbst der Digitalisierung gegenübersteht: Über ein Abstimmungs- und Fragetool wurden immer wieder in Echtzeit die sich verändernden Diagramme an großen Monitoren gezeigt.  Erster Zwischenstand: 33 Prozent sehen der Digitalisierung gelassen entgegen, 55 Prozent sehen sie als Chance, 7 Prozent haben jeweils Angst davor oder haben sich mit dem Thema noch nie beschäftigt.

Digitaler Segen

Wer per Smartphone an der Umfrage teilgenommen hatte, konnte sich danach noch im Empfangsbereich direkt digital segnen lassen: Der Segensroboter BlessU-2 hat jedem Gast einen eigenen Segen mit auf den Weg gegeben.
Darauf ging Gastgeber Martin Seehase auch in seiner Rede ein: „Sicher ließe sich allein zu dieser Errungenschaft eine interessante und kontroverse Diskussion gestalten. Deutlich wird in jedem Fall schon hier, dass das Thema „Digitalisierung“ sicher nicht zuerst und nicht allein ein IT-Thema ist.“
Passen Digitalisierung und Sozialwirtschaft zusammen? Das ist eine Fragestellung mit der sich die NGD-Gruppe seit geraumer Zeit intensiv beschäftigt.
„Wir sehen Chancen durch die Digitalisierung – für unsere Arbeit und für die Menschen, die wir in unseren Einrichtungen und mit unseren Dienstleistungen unterstützen und begleiten. Für uns als diakonisches Sozialunternehmen besteht eine wichtige Aufgabe darin, Menschen Teilhabe zu ermöglichen. Wir müssen und wir werden uns aktiv auf die neue Situation und die Anforderungen vorbereiten. Themen wie „künstliche Intelligenz“, „virtuelle Realität“, „Internet der Dinge“ oder „digitale Plattformen“ zur Vermittlung von Dienstleistungen mit einer konsequenten Ausrichtung auf Klientinnen und Klienten werden für uns Themengebiete der Digitalisierung sein, welche alle Geschäftsfelder der NGD-Gruppe betreffen, “ so Seehase. Und weiter: „Wir müssen kontrovers und konstruktiv diskutieren, was Digitalisierung mit unserer Arbeit und mit den Menschen macht und wo sie sinnvoll und richtig eingesetzt werden kann. Für uns ist wichtig, den Menschen im Mittelpunkt zu sehen, mit seinen individuellen Fähigkeiten und mit seinen individuellen Chancen auf Partizipation.“

Menschen sind wichtiger als Technologie

In welchen Arbeitsfeldern die Einrichtungen der NGD-Gruppe schon auf dem „Digitalisierungsweg“ sind, zeigte Martin Seehase an einigen Beispielen in einem kurzen Video, das Menschen mit Beeinträchtigung des Materialhofes gedreht haben. In der Fockbeker Seniorenwohnanlage „Am See“ etwa schafft das Tablet Freiräume für Pflegekräfte: Sie dokumentieren ihre Arbeit direkt am mobilen Endgerät und haben so mehr Zeit für den Menschen. In der Tagesförderstätte des Holländerhofs in Flensburg helfen digitale Assistenzsysteme schwerst-mehrfach behinderten Menschen, mit ihrer Umwelt zu kommunizieren.

Nach diesem Video und der Aufforderung, auch während des kommenden Vortrags eifrig das Frage-Tool zu nutzen, um Fragen an den Referenten zu sammeln, übergab Martin Seehase das Wort an Prof. Klemens Skibicki. Von Haus aus Wirtschaftshistoriker ist der Professor für Economics, Marketing und Marktforschung an der Cologne Business School gefragter Redner, wenn es um das Thema digitaler Wandel geht. Gemäß des Titels seiner Keynote, „Digitalisierung – Menschen sind dabei wichtiger als Technologie“, lautete seine Kernbotschaft: Menschen machen das, was sie immer schon gemacht hätten, wenn es möglich gewesen wäre … nun können sie es. Diese These, die insbesondere auf die Nutzung von sozialen Medien, Smartphones und Apps abzielte, konnte er in bildhaften Beispielen sehr unterhaltsam deutlich machen. Bei der Digitalisierung geht es letztlich darum, wie Menschen mit Neuerungen umgehen. Oder, um John Maynard Keyes zu zitieren: Die Schwierigkeit liegt nicht darin, die neuen Ideen  zu finden, sondern die alten loszuwerden. Den Vorteil von Vernetzung im Gegensatz zu hintereinander gelagerten Prozessen zu erkennen war dem eloquenten Redner ein großes Anliegen. Und die Möglichkeit, Menschen zuzuhören. Sie einzubinden, wertzuschätzen und  füreinander einzustehen. Auch und gerade digital.
Aber was ist mit dem theologischen Aspekt in punkto Digitalisierung? Abschließend erklärte Pastor Karsten Struck den Hintergrund zum Segensroboter, der 2017 im Rahmen des 500-jährigen Reformationsjubiläums Aufsehen mit seinen digitalen Segenssprüchen erregt hatte. Ob solch ein Roboter die Lösung für den Pastorenmangel sei? Wohl nicht. Können Roboter kirchliche Handlungen übernehmen? Über die Hälfte der Anwesenden klickte auf „Nein“.  Man muss nicht alles tun, nur weil man es kann.

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