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Mach mal lauter!

„Diakonie goes Wacken“ – unter diesem Motto hat die Gruppe Norddeutsche Gesellschaft für Diakonie (NGD-Gruppe) Anfang April zum Jahresempfang 2017 geladen.

Noch bevor der offizielle Teil begann, wurden die über 200 Gäste aus Politik, Wirtschaft und Sozialwesen musikalisch auf dieses Thema eingestimmt. Die Band „Leuchtfeuer“ der Stormarner Werkstätten Bad Oldesloe spielte zur Begrüßung rockige Stücke – ungewohnte Klänge im Landeshaus.
Und noch eine thematisch passende Überraschung erwartete die Anwesenden: Auf jedem Stuhl im Schleswig-Holstein-Saal wartete eine „Full Metal Bag“ mit Gimmicks wie Regencape, aufrollbarer Wasserflasche oder Pflastern – natürlich alle im typischen schwarzen Wacken-Design.

Von Wacken, Werkstätten und Wertschätzung

Wer sich nun fragte, wo der Zusammenhang zwischen der Arbeit der NGD-Gruppe und einer Heavy-Metal-Veranstaltung liegen könne, dem gab Georg Kallsen, Vorsitzender der Geschäftsführung, sogleich eine Antwort: In der Arbeit und in der Musik.
Die NGD-Gruppe habe ja mit „musik in uns“ selbst ein eigenes kleines Musik-Festival. Sicher in den Dimensionen nicht zu Vergleichen mit Wacken, aber doch gibt es eine große Gemeinsamkeit: Musik verbindet Menschen. Musik ist eine Sprache, die jeder versteht – ohne Vorbehalte. Bei „musik in uns“ stehen seit 2003 Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam auf einer Bühne. Erst bei einem Workshop im Frühjahr, dann im Herbst bei einem großen Konzertabend mit prominenten Künstlern.
Aber nicht nur die Musik verbindet die NGD-Gruppe mit Wacken, auch die Arbeit. Denn verschiedene Gruppen in drei Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen der NGD-Gruppe arbeiten für und sogar auf dem Festival.

Inklusion muss laut sein

In seinem Impulsvortrag bestätigt Holger Hübner, einer der Begründer und Veranstalter des Wacken Open Airs, Georg Kallsens Worte. „Die Fans sind bei uns die Headliner. Die Künstler dürfen bei uns nur ihr Best-of spielen. So sehen wir das.“ Und Fans, das schließt alle ein. Die Veranstalter betreiben viel Aufwand, um behindertengerechte Toiletten zur Verfügung zu stellen oder Wege für Rollstuhlfahrer anzulegen. Wer Bilder von Wacken gesehen hat, weiß: Im Zweifelsfall besteht der Boden eigentlich nur aus Schlamm. Aber das gehört für die Fans dazu, jeder hilft hier jedem aus dem Matsch, wie Holger Hübner mit Fotos dokumentiert. „You will never roll alone“ ist da auf einem Sticker lesen, der auf einem Rollstuhl klebt.
Hübner & Co. haben mehrere Studien in Auftrag gegeben, wie Inklusion während Wacken funktionieren kann. Für Hübner und sein Team geht es aber nicht nur um äußere Bedingungen  „Wir waren anfangs überfordert, ganz klar. Wir wussten nicht, welches Wording richtig ist und haben uns Hilfe bei Stiftung Mensch geholt.“, berichtet Hübner.

Auch ein Metal Head muss mal ausruhen

Und er ist ein großer Auftraggeber, auch für die Werkstätten der NGD-Gruppe: Das „Trash Team“ der Rendsburger Werkstatt sammelt während des Festivals Abfall und hält die Fläche sauber, außerdem packt die Einrichtung die „Metal Bags“ und tischlert Holzmöbel. Dass diese am Ende schwarz lackiert werden, versteht sich von selbst. Das gleiche gilt für das Schleiwerk der Schleswiger Werkstätten, hier wurden hochwertige Lounge-Möbel für den VIP-Bereich angefertigt. „Auch ein Metal Head muss mal ausruhen“, so Hübner.
Sein Engagement geht noch weiter, Wacken betreibt unter anderen eine Stiftung, die zum Beispiel Kindern die Möglichkeit gibt, Musik zu machen. Beim Band-Camp werden sie professionell geschult und geben am Ende ein Abschlusskonzert. Fast so wie beim Workshop von „musik in uns“. Hier werden die Menschen mit Behinderung von den erfahrenen Profis der Band „Godewind“ gecoacht.

Podiumsgäste mit Bühnenerfahrung

Deren Sängerin und Frontfrau Anja Bublitz ist die erste, die Moderatorin Silvana Gardenal bei der anschließenden Podiumsdiskussion auf die Bühne bittet. Dazu kommen Birgit Schatz, Einrichtungsleiterin der Werkstätten Rendsburg - Fockbek und Organisatorin von „musik in uns“, Olaf Nesso, Beschäftigter der Stormarner Werkstätten Bad Oldesloe und Sänger der Werkstattband „Leuchtfeuer“, Dipl.-Musiklehrerin Bettina Baasner, die die Band „Leuchtfeuer“ begleitet sowie Holger Hübner und Georg Kallsen.
Ob es eigentlich stimme, dass sie vor dem ersten Workshop von „musik in uns“ vor zehn Jahren Angst gehabt hätte, wird Anja Bublitz zum Einstieg gefragt. Wenn ja, dann ist diese schnell verflogen, spätestens bei der Vorstellungsrunde. Ganz ehrlich und unverstellt gehe es beim Workshop zu. Besonders berührt habe sie die Entwicklung eines Teilnehmers, der am ersten Tag nicht reden mochte, anderen nicht in die Augen sah und sich sehr zurückzog. Mit jedem Lied, das einstudiert wurde, öffnete er sich etwas mehr. Und am Ende übernahm er sogar eine Zwischenmoderation. Was sie mit ihm gemacht hätte, fragte danach die Mutter des Beschäftigten mit Tränen in den Augen. Ihr Sohn hatte zuvor wochenlang nicht gesprochen.

Musik ist Emotion

So eine Erfahrung ist unbezahlbar. Apropos: Rechne sich ein Projekt wie „musik in uns“ eigentlich? Für die NGD-Gruppe sei dies eines von mehreren Leuchtturmprojekten. Denn die Begeisterung strahle ab in die Werkstätten und so auch in die Arbeit. Die begleitenden Angebote wie Sport oder eben auch Musik werden jetzt noch mitfinanziert. Wie dies allerdings ab 2020 aussehe, müsse sich zeigen, so Kallsen und spielt damit auf den Landesrahmenvertrag an.
„Musik ist Emotion, für viele auch Therapie. Dazu kommt das Gemeinschaftsgefühl, alle achten aufeinander“, bekräftigt Bettina Baasner die Relevanz von solchen Angeboten. „Der Rücken wird gleich ein bisschen gerade, es erfüllt die Menschen mit Stolz und Selbstvertrauen, wenn sie hinter dem Mikro stehen“. Dem kann Olaf Nesso nur begeistert nickend zustimmen.
Und damit sich die Wirkung von gemeinsam erlebter Musik auch jenseits des Podiums ausbreitet, wird am Ende „Die Gedanken sind frei“ gesungen, angeleitet von Anja Bublitz. So klingt der Abend mit anregenden Gesprächen und sicherlich dem ein oder anderen Ohrwurm im Kopf aus.

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