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Ein Hoch auf HEARTFIRE

„Ohne Musik geht bei mir gar nichts“, sagt Janet Hackbarth mit viel Nachdruck in der Stimme. Sie ist eine von sechzehn Workshop-Teilnehmerinnen und Teilnehmern des diesjährigen Workshops von „musik in uns“.

Die 21-Jährige arbeitet in der Druckerei der Rendsburger Werkstatt und hört gern alles, „was laut ist und viel Bass hat.“ Da ist sie beim Workshop genau richtig, denn laut wird es eigentlich immer. „Schuld daran“ ist Godewind-Schlagzeuger Heiko Reese, der Benjamin Born, Wilcke Wilts und Jenny Brügma während der drei Tage unter seine Fittiche nimmt. Die beiden Jungs spielen Schlagzeug, Jenny die Kongas. Und Bass gibt es natürlich auch, dafür ist Dietmar Mohr zuständig. Die sechzehn diesjährigen Teilnehmerinnen und Teilnehmer arbeiten in den Werkstätten in Rendsburg, Eckernförde, Husum, Hohenwestedt, Itzehoe und Glückstadt und lernen sich vor Ort erst kennen. Klar, dass manch einer beim Kennenlern-Frühstück noch etwas unsicher ist – auch, wenn er zu den Mikrofonständen hinüberblickt.
Alle stellen sich der Reihe nach vor und sagen, was sie während des Workshops machen wollen. Natürlich auch die Bandmitglieder von Godewind. „Ich spiele bei Godewind alles, was Saiten hat und bin eigentlich verantwortlich für alles – außer Geklöter“, brummt Sven Zimmermann grinsend mit einem Seitenblick auf Band-Kollegen Heiko Reese. Die vier Profi-Musiker werfen sich oft die Bälle zu und sorgen immer wieder für Gelächter. Schnell werden alle etwas lockerer.

„Schon wieder diese Scheißmelodie...“

Das ist kein Kommentar eines genervten Gitarristen, sondern ein Songtitel von Sängerin Kerstin Ott („Die immer lacht“), der einstudiert wird. Nach dem Frühstück und dem ersten Beschnuppern geht es direkt los: Die Teilnehmer schlagen vor, was gesungen werden soll und die vier von Godewind prüfen, ob das auch für die acht Leute an den Instrumenten umsetzbar ist.
Die Set-List entwickelt sich nach und nach: Aktuelle Deutsch-Pop-Hits und Herzschmerz-Schlager gehören genauso dazu wie Filmmusik-Klassiker und ein selbstgeschriebenes Stück von Teilnehmer Thomas Schieszl. Lieder, die Spaß machen und allen gefallen. So unterschiedlich alle, die hier mitmachen auch sind, so verschieden ist auch der Musikgeschmack. Martin Franzen singt privat im Kirchen-Chor, Keyboarder Stephan Jung hört am liebsten Metal und Gothic. Aber das ist eben die Herausforderung: Aus sechzehn Menschen, die sich vorher nicht kennen, eine Band zu machen.
Weit über 30 Jahre liegen zwischen den jüngsten und den ältesten Teilnehmern, und ähnlich sieht es mit dem Alter der Musikstücke aus, die gemeinsam ausgewählt wurden. „Probier’s mal mit Gemütlichkeit“ aus Disneys „Dschungelbuch“ hat schließlich 50 Jahre auf dem Buckel, „80 Millionen“ von Max Giesinger ist aus dem letzten Jahr.

Strahlende Gesichter

„Wenn wir uns begegnen, leuchten wir auf wie Kometen“ – das ist nicht nur eine Textzeile aus genau diesem Song, sondern in diesen drei Tagen auch wahr: Nach anfänglicher Nervosität hat das gemeinsame Musikmachen alle zum Strahlen gebracht. Wer am ersten Tag noch verkrampft hinter dem Mikro gestanden hat, nimmt es an Tag zwei schon souverän in die Hand und bewegt sich zum Takt. Das ist etwas, was Godewind-Sängerin Anja Bublitz in den zehn Workshop-Jahren immer wieder beobachtet hat: Was die Musik und die tolle Atmosphäre mit den Menschen mit Handicap macht. Dass Menschen, die kaum reden und anderen nicht in die Augen blicken mögen, plötzlich die Zwischen-Moderation übernehmen. „Da gibt es so viele Beispiele“, erzählt Anja, „ich bin immer wieder bewegt. Das macht „musik in uns“ für mich zu etwas ganz Besonderem.“
Diese Entwicklung bemerkt man nicht nur innerhalb des Workshops, sondern auch von Jahr zu Jahr. Schlagzeuger Wilcke Wilts von Kompass ´98 aus Eckernförde ist zum dritten Mal in Folge dabei, und es ist deutlich, wie viel offener er geworden ist. Sitzt er an seinem Instrument, ist er in seinem Element; ansonsten wirkte er eher wortkarg und verschlossen und sonderte sich von den anderen etwas ab. In diesem Jahr ist davon kaum noch etwas zu spüren.

Musik als Feuer im Herzen

Für ein echtes Band-Gefühl gehört bei „musik in uns“ traditionell, dass man nicht nur gemeinsam Lieder aussucht, zusammen singt und spielt, sondern sich auch einen Namen überlegt.
Dietmars Vorschlag „Die Singasongs“ und Mareikes Idee „Die Silberfische“ wurden vorsichtig ausprobiert und vor sich hin ausgesprochen; richtig begeistert waren aber alle von Stephans „HEARTFIRE“. „HEARTFIRE“, ja, das passt. Sogar zu Beatrice Eglis Lied „Mein Herz, es brennt“ – allerdings wurde das erst später ausgewählt! Musik ist das Feuer im Herzen dieser Truppe, die durch die Lieder immer mehr zusammenwächst.
Nach drei intensiven Tagen steht am Ende des Workshops das Abschlusskonzert in der Martinshaus-Kapelle an, bei dem Familie, Freunde, Kollegen und Betreuer zuhören. Die Vorfreude und Aufregung ist bei allen groß.

Godewind als Vorgruppe

„Wir sind zuerst durch den Garten Eden gewandert, dann haben wir es mit Gemütlichkeit versucht und haben einen von 80 Millionen gesucht.“ In ihrer pfiffigen Begrüßung und Anmoderation schafft Organisatorin Birgit Schatz es, alle eingeübten Songtitel miteinander zu verbinden – das allein wäre schon ein Applaus wert gewesen. Dann entern Godewind die kleine Bühne. Frontfrau Anja sagt sich und ihre Männer verschmitzt als Vorgruppe an, dann werden drei eigene Songs von gefühlvoll bis rockig gespielt. Für viele der Teilnehmer ein Aha-Erlebnis, kennen sie die Band doch bisher meist nur als Anleiter und nicht als echte, erfahrene Konzert-Profis. Erst nach dieser „Aufwärmphase“ kommen HEARTFIRE dazu. Von den ersten Tönen an sind die Zuschauer begeistert; es wird fotografiert, gefilmt – und natürlich aus ganzem Herzen geklatscht. Am Ende wird lautstark nach Zugabe verlangt. Als „Ein Hoch auf uns – auf dieses Leben“ erklingt, erlebt der ganze Saal einen Gänsehaut-Moment – so schön wurde dieser Song sicher noch nie interpretiert. Laut, mit viel Bass und noch mehr Herz.


Das sind HEARTFIRE:
Michelle Daßau, Janet Hackbarth, Mareike Ivens, Jasmin Kähler, Anke Puls, Martin Franzen, Lothar Gauert, Timo Rene (alle Gesang) sowie Benjamin Born (Schlagzeug), Jennifer Brügma (Kongas/Gesang), Stephan Jung (Keyboard), Hans-Peter Locht (Gitarre), Dietmar Mohr (Bass), Thomas Schieszl (Gitarre/Gesang), Sandra Stachera (Ukulele), Wilcke Wilts (Schlagzeug)

Fotos 1+8: Michael Holzem/www.michaelholzem.com

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