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L_s_n k_nn d_ch j_d_r, od_r?

Der Jahresempfang der NGD-Gruppe Ende April hat sich mit dem Thema "Barrierefreie Kommunikation" beschäftigt.

„Lesen kann doch jeder, oder?“ - mit dieser Frage eröffnete Georg Kallsen, Vorsitzender der Geschäftsführung, den Jahresempfang der NGD-Gruppe, der sich in diesem Jahr dem Thema „Funktionaler Analphabetismus“ widmete. Gestellt an die rund 230 geladenen Gäste aus Politik, Wirtschaft und Sozialwesen hatte die Frage schon fast etwas Provokatives.
Und auch wieder nicht, wie Professor Dr. Anke Grotlüschen, die an der Universität Hamburg zum Thema Analphabetismus forscht, in ihrem interessante Impulsvortrag eindrücklich belegte. Denn mehr als 14 Prozent der Deutsch sprechenden Erwachsenen sind laut aktueller Studien des Bundesbildungsministeriums als funktionale Analphabeten zu betrachten!


Verstehen = Teilhabe

7,5 Millionen Menschen in Deutschland sind damit nur eingeschränkt in der Lage zu lesen und zu schreiben. Sie können zwar einzelne Sätze lesen oder schreiben, aber bereits kurze Texte mit zusammenhängenden Sätzen sind für sie nicht mehr verständlich. Dies hat weitreichende Folgen für ihre gesellschaftliche Teilhabe. Wer Informationen nicht versteht, fühlt sich ausgeschlossen, kann keine vernünftigen Entscheidungen treffen und wird vermutlich falsch oder gar nicht handeln.


Intelligente Vermeidungsstrategien

Funktionaler Analphabetismus ist in unserer Gesellschafft immer noch ein Tabuthema. Betroffene sprechen meist nicht darüber, fürchten bloß gestellt zu werden und entwickeln zahlreiche Vermeidungsstrategien. Um „unauffällig“ zu bleiben, vermeiden die Betroffenen den Umgang mit Buchstaben und Wörtern meistens ganz. Oder sie lassen sich Ausreden einfallen, wie „Ich finde meine Brille gerade nicht“, um die schriftlichen Aufgaben zu delegieren. Mitunter führt dies zu erstaunlichen Gedächtnisleistungen und zu einfallsreichen Bewältigungsstrategien. Gefährlich wird es jedoch, wenn selbst kurze Texte wie Arbeits- und Sicherheitshinweise nicht verstanden werden.


Konkrete Maßnahmen

Angesichts dieser hohen Zahlen herrschte bei der an den Vortrag anschließenden Podiumsdiskussion Einhelligkeit darüber, dass eindeutig Handlungsbedarf gegeben ist. Mit Georg Kallsen und Prof. Grotlüschen diskutierten im Podium Landtagspräsident Klaus Schlie, der Landesbeauftragte für Menschen mit Behinderungen Prof. Dr. Ulrich Hase, der Kieler Sozialdezernent Gerwin Stöcken sowie Wolfgang Schoof, Geschäftsführer der Schleswiger Stadtwerke, über konkrete Maßnahmen.
Wolfgang Schoof geht dabei mit gutem Bespiel voran. Als Geschäftsführer der Stadtwerke Schleswig beauftragte er das Übersetzungsbüro capito Schleswig-Holstein, das seit Anfang 2016 zur NGD-Gruppe gehört, werbliche Schreiben, Rechnungen und Mahnungen für Kunden in leicht verständliche Sprache zu übersetzen. „Für uns als Unternehmen, ist es wichtig, dass unsere Kunden unsere Schreiben auch verstehen“, erläuterte Schoof seine Motivation. „Die neuen Abrechnungen richten sich nicht nur an Menschen mit Handicap. Ich bin überzeugt, dass all unsere Kunden von einer leicht verständlicheren Abrechnung profitieren und wir damit kundenfreundlicher werden.“  
Diesen Vorteil für die Allgemeinheit sieht auch Landtagspräsident Schlie, der sich als ehemaliger Deutschlehrer gerade am komplizierten Behördendeutsch immer wieder stößt. Er verwies darauf, dass der Landtag bereits 2014 grundsätzlich beschlossen hat, leicht verständlichere Texte zu veröffentlichen, schränkte jedoch ein, dass dies eine „Mammutaufgabe“ ist, die nur „Schritt für Schritt“ bewältigt werden kann.
Uli Hase ist als Landesbeauftragter für Menschen mit Behinderung überzeugt, dass „was für uns (Menschen mit Behinderung) gut ist, für alle gut ist.“ Hase ging sogar noch einen Schritt weiter und wünschte, dass nicht nur die Schriftsprache, sondern auch Fachvorträge – wie z.B. der von Prof. Grotlüschen – durch Simultanübersetzter viel verständlicher werden könnten.
Professor Grotlüschen erklärte daraufhin, dass es durchaus Unterschiede gebe zwischen einem wissenschaftlichen Fachvortrag über leicht verständliche Sprache und einen Vortrag in leicht verständlicher Sprache und betonte die distinktive Funktion von Sprache.
Sozialdezernent Stöcken verwies ebenfalls auf die Grenzen Machbarkeit und forderte immer auch die Zielgruppen im Auge zu behalten. „Es gibt Menschen, die brauchen einen bestimmten Text in leicht verständlicher Sprache und andere wiederum fühlen sich dadurch veräppelt.“
Angeregt durch den Impulsvortrag und die Podiumsdiskussion diskutierten die Gäste noch lange über Chancen und Grenzen von leicht verständlicher Sprache für alle.

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