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Wenn der Kühlschrank dreimal klingelt …

Unternehmensempfang der Gruppe Norddeutsche Gesellschaft für Diakonie zum Thema altersgerechte Assistenzsysteme.

Im Alter in den eigenen vier Wänden ein selbstbestimmtes Leben zu führen - das wünschen sich viele Menschen für ihre Zukunft. Inwieweit technische Assistenzsysteme dabei hilfreich sein können, darüber informierte der diesjährige Unternehmensempfang der NGD-Gruppe.

Die demografische Herausforderung

Schon in wenigen Jahren wird jeder 3. Mensch in Deutschland älter als 65 Jahre sein. Der allgemeine Anstieg der Lebenserwartung einerseits und die rückgängigen Geburtenraten andererseits werden dazu führen, dass immer mehr alte Menschen immer länger auf die Pflege und Unterstützung von immer weniger jungen Menschen angewiesenen sein werden. Schon jetzt steht der wachsenden Pflegbedürftigkeit ein zunehmender Fachkräftemangel gegenüber. Kann Technik diesen Mangel ausgleichen? Dieser Fragestellung widmete sich der diesjährige Unternehmensempfang der NGD-Gruppe, der am 27. April im Hohen Arsenal in Rendsburg stattfand. Mehr als 150 geladene Gäste aus Politik, Wirtschaft, Forschung, Lehre, Wohlfahrtsverbänden, Kirche und Diakonie kamen, um über die Möglichkeiten von technischen Assistenzsystemen zu sprechen. In einer Talkrunde diskutierten Martin Reich als Anbieter von technischen Assistenzsystemen, Ingo Leins als Nutzer, Pastor Karsten Struck sowie Renate Gamp (Geschäftsführung Bereich Wohnen, Altenhilfe, Psychiatrie- und Suchtnachsorge der NGD-Gruppe) über die Chancen und Grenzen dieser neuen Technologien. RSH Moderator Carsten Kock führte unterhaltsam durch das Programm.

Der Wunsch nach Selbstständigkeit versus Fachkräftemangel und Überforderung der Angehörigen

Immer mehr alte Menschen haben den Wunsch, solange wie möglich selbstständig zu leben. Georg Kallsen (Vorsitzender der Geschäftsführung der NGD-Gruppe) wies die Anwesenden zu Beginn der Veranstaltung auf eine aktuelle Umfrage des Kuratoriums „Wohnen im Alter″hin, der zufolge 80% der 55-69-jährigen in der eigenen Wohnung bleiben wollen. Dies führt unweigerlich zu einem hohen Betreuungsbedarf, den jedoch nur noch wenige Angehörige - beruflich und durch räumliche Distanz bedingt - leisten können. Was für den älteren Menschen ein Stück Selbstständigkeit bedeutet, ist für die Angehörigen häufig mit der Angst vor unkalkulierbaren Risiken verbunden.

Sicherheit durch Technik

An dieser Stelle setzen technische Assistenzsysteme an – wie sie z.B. Martin Reich von der Firma scemtec automation vor kurzem auf den Markt gebracht hat. Scemtec automation bietet ein Frühwarnsystem an, das über funkgesteuerte Sensoren Informationen über Bewegung, Temperatur und Helligkeit in der Wohnung sammelt. „Allein lebende Personen haben in der Regel einen strukturierten Tagesablauf″, so Martin Reich von scemtec automation. Auffällige Abweichungen von diesen Daten, zum Beispiel wenn eine Person morgens nicht aufgestanden ist oder eine gewisse Zeit nicht mehr den Kühlschrank geöffnet hat, führen – je nach individueller Einstellung – zu einer Benachrichtigung der Angehörigen, des Nachbarn oder eines professionellen Dienstes, die dann entsprechend helfen können.

Renate Gamp sieht in den technischen Assistenzsystemen eine gute Ergänzung zu den ambulanten und stationären Betereuungsangeboten der NGD-Gruppe und betonte, dass in der NGD "schon immer eine größtmögliche Selbstständigkeit der betreuten Personen angestrebt wurde." Darüber hinaus unterstrich Frau Gamp auch die Vorteile im stationären Einsatz: "Wenn wir die Technik gezielt und klug einsetzen, schafft sie Sicherheit und kann den Mitarbeitenden Freiräume geben: Sie dann zu den Menschen führen, wenn es notwendig ist und nicht weil festgelegte Ablaufpläne eingehalten werden müssen."

Das "Frühwarnsystem" ist laut Reich "kostengünstig, variabel und sehr bedienerfreundlich." Dies bestätigte auch der Rentner Ingo Leins, der im Auftrag der NGD-Gruppe das Assistenzsystem 2,5 Monate getestet hat: "Im Vergleich zur Unterhaltungselektronik ist der kleine Kasten geradezu einfach zu bedienen." Ingo Leins hatte sich schnell an die Sensoren gewöhnt und wusste auch das Gefühl der Sicherheit durchaus zu schätzen. Doch geht dabei nicht die Privatsphäre verloren?

Selbstständigkeit auf Kosten der Privatsphäre?

Auch diese Frage wurde in der Talkrunde thematisiert. Martin Reich versicherte, dass
Daten nur im Falle eines Alarms nach Außen gehen und auch dann so gut verschlüsselt sind, dass ein Hacker 31 Jahre zum Entschlüsseln bräuchte: "Uns interessieren nur die signifikanten Abweichungen. Nicht wann und wie häufig Sie den Kühlschrank öffnen, sondern, ob Sie ihn nicht aufmachen!" Auch Ingo Leins fühlte sich nicht überwacht und Pastor Struck zog den Vergleich zu einem anderen technischen Gerät: "Heute diskutiert auch keiner mehr über den Sinn oder Unsinn eines Babyphons. Technische Assistenzsysteme bieten ebenso wie ein Babyphon zusätzliche Sicherheit. Es kommt jedoch auf den Menschen an, was er daraus macht."

Alle Teilnehmer waren sich einige, dass technische Assistenzsysteme allen hilfebedürftigen Menschen –ob Senioren, Menschen mit Behinderungen oder Diabetikern – ein großes Maß an Sicherheit und Selbstständigkeit ermöglichen. Sie sind ein brauchbares Hilfsmittel, um Angehörige zu entlasten und in der ambulanten bzw. stationären Pflege dem Fachkräftemangel zu begegnen. Nur eins können sie nicht: Zwischenmenschliche Kontakte ersetzen!

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