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Tütenkleben wie vor 50 Jahren?

Die angekündigten Einsparungen führen zu erheblicher Verunsicherung der Menschen mit Behinderungen in Schleswig-Holstein. An dieser Stelle kommen zwei Betroffene zu Wort und äußern ihre Befürchtungen.

Einsparungen in Höhe von 100 Millionen Euro sind ein radikaler Einschnitt, der seine Spuren hinterlassen wird. Da hinter den Zahlen auch Menschen stehen, sollen an dieser Stelle zwei Betroffene zu Wort kommen: Wolfgang Schaefer und Helge Hamann arbeiten beide seit vielen Jahren in den Werkstätten Materialhof – einer Einrichtung für Menschen mit psychischen Behinderungen. Wie wird sich dieser Sparkurs auf ihren Arbeitsalltag auswirken?

Helge Hamann, Vorsitzender des Werkstattrates und seit 2001 in den Werkstätten Materialhof, äußert seine Befürchtungen: „Vermutlich würde vor allem beim Personal gespart werden müssen. Das hätte unweigerlich größere Arbeitsgruppen zur Folge. Gerade für viele Beschäftigte mit psychischen Problemen bedeutet dies großer Stress! Zurzeit haben wir hier im Materialhof Arbeitsgruppen in verschiedenen Größen mit unterschiedlichsten Aufgabenbereichen. Bei weniger Gruppenleitern ist ein vielfältiges Arbeitsangebot nicht mehr möglich. Dann kleben wir wieder wie vor 50 Jahren in großen Hallen Tüten!“

Auch Wolfgang Schaefer, der seit über 20 Jahren in den Werkstätten Materialhof arbeitet, sieht große Probleme, wenn der Betreuungsumfang so stark reduziert wird. „Gerade Menschen mit psychischen Problemen brauchen eine intensive Betreuung. Bei größeren Arbeitsgruppen bliebe gewiss nur wenig Zeit für Gespräche.“ Helge Hamann bestätigt dies: „Mein Gruppenleiter fängt viel auf. Er ist mein Ansprechpartner, an den ich mich wenden kann, wenn eine Krise aufkommt. Hätte ich nicht diese Unterstützung, hätte ich in den letzten Jahren gewiss mehr Klinikaufenthalte gehabt. Und das kommt erheblich teurer!“

Arbeiten in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung bedeutet eben nicht nur Beschäftigung, sondern auch Betreuung und Gemeinschaft. Die sozialen Kontakte werden vor allem durch die arbeitsbegleitenden Angebote gepflegt. Gerade dies ist wahrscheinlich ein weiterer Bereich, wo der Rotstift angelegt werden würde. „Das Schwimmen mit meinen Kollegen ist das Highlight der Woche“, sagt Helge Hamann. „Es ist das Gemeinschaftserlebnis, das zählt. Allein würde ich bestimmt nichts machen.“ So wie Helge Hamann geht es vielen seiner Kollegen und Kolleginnen. Ohne die arbeitsbegleitenden Angebote droht die Isolation.

„Um Kosten zu sparen würden einige Regierungsmitglieder am liebsten alle Werkstätten für Menschen mit Behinderungen schließen.“ Eine Arbeit außerhalb der Werkstätten kann sich Wolfgang Schaefer nicht vorstellen und erläutert warum: „Ich würde auch gern mehr verdienen, doch krankheitsbedingt habe ich immer wieder lange Ausfallszeiten. Welcher Arbeitgeber macht das denn mit?“ So bleibt es abzuwarten, wohin dieser Sparkurs führen wird. Die Wohlfahrtsverbände protestieren jedenfalls heftig.

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